"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)

23. März 2016

Kartage (9 Ende)

Wenn wir nun gesehen haben, wie diese Teilnahme am innertrinitarischen Leben Grund und Inhalt wird meines ganzen Seelenlebens - es wird dadurch gegründet, es lebt davon - dann müssen wir uns abschließend noch kurz eine weitere Frage stellen: Wie ist es möglich, in uns die Teilnahme am innergöttlichen Leben zu entzünden? Können wir dieses Leben vielleicht noch etwas analysieren? Eines ist ganz klar, dieses Leben ist, nüchtern ausgedrückt, weiter gar nichts als die Grundstruktur zu jeder Mystik. Da ergibt sich zunächst einmal die Konsequenz, daß der Vollchrist immer Mystiker ist und es folgt noch, daß so wenige Vollchristen sind.
Wenn nun aber das wahre Leben tatsächlich Mystik ist, was ist dazu erforderlich? Dazu gehört vor allem einmal die Verübernatürlichung aller menschlichen Kraft, wie man sich ausdrückt, das menschliche Wesen muß von der Wurzel her durchhellt und durchglüht werden. Und das geschieht gerade durch den Heiligen GEIST, Der das Wesen ergreift und vom Wesen her die menschliche Natur aus den Erbsünde-Angeln hebt, sodaß dieses Wesen übergreift auf Fähigkeiten und Kräfte, auf Potenz und Akte. Das ist nicht merkwürdig, denn in GOTT ist es freilich anders, weil Sein Wesen Tun ist. Und weil der Akt bei IHM Essenz ist. Bei uns ist beides getrennt. Mein Wesen ist nicht immer Akt und die Akte können immer verschieden ausfallen. Infolgedessen muß der HEILIGE GEIST das Wesen durchhellen und durchglühen, und muß auch die Fähigkeit erfassen, vor allem Erkennen und Wollen, die beide tatsächlich göttliches Wesen annehmen müssen. Deshalb gehört zum Wesen des Christen, daß er in allweg übernatürlich sei und das ist's ja doch, wovon die ganze Karsamstags- und Osterliturgie spricht. Daß alles, was natürlich ist, ins Übernatürliche hineingesetzt wird, sodaß auch der natürliche Akt übernatürlich wird.
Der Mensch soll vollkommen in übernatürliche Aktivität versetzt werden. Unter Aktivität darf ich nicht verstehen Betriebsamkeit und Rührigkeit, denn auch intensiv gespanntes Betrachten und Beten ist doch Aktivität im Sinne GOTTES. Es müssen alle Fähigkeiten samt dem Wesen erneuert werden und das geschieht eben, ganz schlicht gesagt, durch die übernatürlichen Tugenden. Die übernatürlichen Tugenden haben die Aufgabe, das Wesen des Menschen zu vergöttlichen. Was uns so stark hindert, in das Wesen der übernatürlichen Tugenden einzudringen, ist, weil wir immer natürliche mit übernatürlicher Tugend verwechseln. Die übernatürliche Tugend hat die Aufgabe, nicht wie die natürliche, den Vollzug einer Handlung zu erleichtern und zu gewährleisten - die Tugend der Gerechtigkeit, der Tapferkeit, die müssen gewisse Widerstände in mir überwinden und habe ich diese Tugend, so erfolgt ein Akt, ganz sicher - die übernatürliche Tugend hat nur die eine Aufgabe, die CHRISTUSförmigkeit in mir zu erzielen, das, was die Alten immer nannten, die Überformung zu geben. Ich soll in all meinen Fähigkeiten, im Lieben und Erkennen und in allen Handlungen, die sich daraus ergeben, durch die verschiedenen Kombinationen, mich CHRISTUSförmig machen. Das ist eigentlich die Ostergnade, die uns die Taufgnade zum ersten Mal gegeben hat: Das CHRISTUSförmig-Werden.
Sie ist nicht Hilfe zum Guten, das ist nicht wahr, sonder sie ist Ausrüstung, damit mein Tun göttlich qualifiziert wird. Die übernatürliche Tugend hat also wesensmäßig einen ganz anderen Sinn als die natürliche. Ich soll tatsächlich durch die übernatürliche Tugend verwandt werden mit CHRISTUS und mit CHRISTUS hineingerissen werden in die Auswirkungen der innertrinitarischen Sendungen. Daraus ergibt sich, daß die übernatürliche Tugend, nicht wie die natürliche, Hindernisse beseitigt. Der Christ kann noch bequem bleiben, der Sinnlichkeit verfallen und selbstsüchtig sein. Das ist nicht Aufgabe der übernatürlichen Tugend. Sie hat mich nur zu qualifizieren, im übernatürlichen Sinn mich CHRISTUSförmig zu machen. Und daraus ergibt sich die oberste Tätigkeitsweise des wahren Christen.
Ich muß GOTT bejahen und lieben, aber nicht als ein Es, das mein letztes Ziel ist, vielleicht sogar ein Mittel, um selig zu werden, sondern, ich muß GOTT bejahen und lieben, wie ER Sich selber bejaht und liebt. Alle meine Liebe, ob ich sie nun direkt auf GOTT oder auf ein Geschöpf erstrecke, muß unbedingt göttlich sein, muß unbedingt im HEILIGEN GEISTE vollzogen sein, sonst bin ich nicht Christ. Diese übernatürliche Ausstattung infiltriert natürlich auch die sittlichen Tugenden. Die sittlichen Tugenden haben die Aufgabe mich instandzusetzen, den Situationen des Lebens gerecht zu werden. Aber man glaube doch nicht, daß der übernatürlich handelnde Mensch natürlich-sittlich handeln könne.Das ist ausgeschlossen. Auch seine natürlichen Tugenden sind hineingezogen in GOTT - er ist wahrhaft durch und durch vergöttlicht. Er nimmt tatsächlich an der göttlichen Natur teil.
Und das ist der Sinn von Ostern und der Sinn des Aufstieges von Gründonnerstag-Nacht zum Ostermorgen.


VB

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