"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)

26. Mai 2013

Gegenwart Gottes im Geschöpf

Alle Geschöpfe, vom Engel bis zum Atom, sind von Gott verschieden; in einer unvergleichlichen Verschiedenheit: inkommensurabel. Nicht einmal das Wort "sein" kann auf Ihn wie auf sie im gleichen Sinn angewendet werden. Auch ist kein Geschöpf auf die gleiche Weise von Ihm verschieden, wie es von allen übrigen verschieden ist. Er ist in ihm, wie Geschöpfe niemals ineinander sein können: in jedem Einzelnen von ihnen als Grund, Wurzel und ständige Quelle seiner Wirklichkeit. Und in guten vernunftbegabten Geschöpfen zudem als Licht, in schlechten als Feuer, anfänglich als schwelendes Unbehagen, später als die lodernde Angst vor einer unwillkommenen und vergeblich abgewehrten Gegenwart.

Daher läßt sich von jedem Geschöpf sagen: " Dies auch bist Du, und doch ist dies nicht Du".

Schlichter Glaube sieht das erstaunlich leicht ein. Auf dem Kontinent habe ich mich einmal mit einem Pastor unterhalten, der Hitler gesehen hatte und nach menschlichem Ermessen guten Grund hatte, ihn zu hassen. "Wie sieht er aus?" fragte ich ihn. "Wie alle Menschen", antwortete er, "das heißt, wie Christus."

24. Mai 2013

Erotische Erschütterung

Dies gilt auch für das im Folgenden über die Seele Gesagte, zum Beispiel, daß sie wie mit Fittichen begabt den ganzen Kosmos durchwalte. Kurt Hildebrandt hat mit Recht angemerkt, daß Platon hier auf die Weltvorstellung der vorsokratischen Philosophie zurückgreife – womit, so scheint es vielleicht, das Ganze noch weiter von uns weggerückt wird, in eine Gedanklichkeit, die mitzuvollziehen uns einfach nicht mehr zugemutet werden kann. Was etwa soll uns schließlich das Fragment des Milesiers Anaximenes angehen: »Wie die Seele, welche Luft ist, uns durchwaltet, so auch durchwaltet Atem und Luft den ganzen Kosmos«? Ja, wenn hier von der Luft als einer meteorologischen Erscheinung der Atmosphäre die Rede wäre, dann ginge es uns wirklich nichts an. Aber ich werde mir niemals einreden lassen, daß in diesem alten Text nicht zugleich, vielleicht sogar zunächst, etwas gemeint sei, das dem gleichfalls alten Text vom Geisthauch, der den Erdkreis erfüllt, benachbart ist: Spiritus Domini replevit orbem terrarum (Weish 1,7). – Dies aber, daß die Wohnung von Geist die Gesamtwirklichkeit sei, ist seit eh und je nicht allein dem göttlichen Geiste zugesprochen worden; wir bringen es gar nicht fertig, auch den endlichen »Geist« anders zu verstehen und zu beschreiben denn als ein Wesen, zu dessen Natur es gehört, im Angesicht der Gesamtwirklichkeit zu existieren. Geist haben besagt eben dies: es zu tun haben mit allem, was es gibt; »den ganzen Kosmos durchwohnen«.

Wer aber dies nicht bedenkt, so sagt Sokrates im Phaidros, der versteht nichts von dem, was in der erotischen Erschütterung wahrhaft geschieht. Solange man nicht begriffen und »realisiert« hat, daß der freilich ganz und gar hiesige, leibhaftige Liebende es ist, der durch die Begegnung mit Schönheit erschüttert wird, durch die Begegnung also mit etwas wiederum Hiesigem, Leibhaftigem, Sinnfälligem; solange man nicht zugleich bedenkt und vor Augen hat, daß dieser solchermaßen Erschütterte in dem, was er ist, schlechthin hinausragt über die Dimension des Hier und Jetzt, ungeworden und unvergänglich, mit nichts Geringerem endgültig zu stillen als mit dem Ganzen, dem Totum an Sein, Wahrheit, Gutheit, Schönheit – so lange ist man einfachhin außerstande, wahrzunehmen, was eigentlich »Eros« ist; solange hat man schlechterdings keinerlei Aussicht, der erotischen Erschütterung auch nur auf die Spur, geschweige denn auf den Grund zu kommen. – Vielleicht könnte einer sagen, dies sei eine »typisch platonische« Idealisierung. Aber es ist nichts anderes als eine völlig realistische Beschreibung dessen, was Geist wirklich ist.

Josef Pieper: Begeisterung und göttlicher Wahnsinn S. 309s

23. Mai 2013

Francesco, der erfahrene Koch

„Das Salz hat Sinn, wenn man es hinzufügt, um den Dingen Geschmack zu verleihen. Ich denke auch, dass das in einem Fläschchen verwahrte Salz durch die Feuchtigkeit seine Kraft verliert und zu nichts nützt. Das Salz, das wir empfangen haben, dient dazu, hergegeben zu werden, es ist dazu da, um den Dingen Geschmack zu verleihen, um es anzubieten. Anders wird es schal und nützt zu nichts. Wir müssen den Herrn bitten, nicht Christen mit schalem Salz zu werden, mit einem Salz, das in einem Fläschchen verschlossen ist.

Doch das Salz hat noch eine weitere Besonderheit: wenn man das Salz gut nützt, so schmeckt man es nicht... Man schmeckt es nicht! Man schmeckt den Geschmack eines jeden Gerichts: das Salz hilft, dass der Geschmack jenes Gerichts besser ist, dass es schmackhafter wird. Darin besteht die christliche Originalität“.

Wenn wir mit diesem Salz den Glauben verkünden, so „empfangen ihn die Adressaten der Verkündigung entsprechend ihrer Besonderheit, wie dies bei den Gerichten der Fall ist. Und so empfängt ein jeder das Salz seiner Besonderheit entsprechend und wird besser“.


Papst Franziskus

19. Mai 2013

Leben des Geistes (2)

Noch einmal, wann berühren wir die Welt im Ganzen? Antwort: Zum Beispiel, wenn wir die Zeichen bedenken, die uns in der Dichtung, in der Musik und in allen bildenden Künsten vor die Augen gebracht werden. Auch die Besinnung des Philosophierenden meint das Insgesamt der Welt. Vor allem aber ist die religiöse Kontemplation zu nennen, das betrachtende Sich-versenken in die Mysterien der Rede Gottes. – Dies also seien, so lautet die Auskunft, Gestalten wahrhaft geistigen Lebens – weil nur auf solche Weise das Auge der Seele sich öffne zu der äußersten ihm möglichen Empfänglichkeit, welche allein dem Ganzen der Wirklichkeit zu antworten vermag.
Es ist freilich durchaus von einem Empfangen die Rede, von Vernehmen und Schweigen und Sich-widerfahren-lassen und demnach von etwas, das nicht so völlig in unsere Verfügung gegeben ist, wie die männlichere Aktivität des weltforschenden Verstandes. Und so besagen die Namen, mit denen die Menschensprache sich das Wesen von Geist deutlich zu machen sucht, Hauch, Atem, Sturm, Quell und Flamme – alle sagen vornehmlich dies: Geist fügt sich keiner eigenmenschlich planenden Direktive; er entzieht sich der willkürlichen Verfügung; er weht, wo er will.
Natürlich meint all das nicht schon den »Geist«, den wir an Pfingsten feiern – aber immerhin ein Abbild davon. Und wie sonst könnte unser Verständnis sich dem »Heiligen Geiste« nähern, wenn nicht von seinen uns zugänglicheren Bildern her, auf dem übrigens seit je beschrittenen Wege also? Ich werde mir niemals einreden lassen, jene sehr frühe Stimme des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts, die sagt: wie der Lebenshauch in unserem Leibe das Herrschende und Erste sei, so auch werde die Welt im Großen von Hauch und Atem, vom »Pneûma«, durchwaltet – niemals werde ich die gängige These der Handbücher akzeptieren, jene Stimme meine das meteorologische Faktum von Luft und Atmosphäre, und nicht auch, in irgendeinem Sinn, den »Geist des Herrn, welcher den Erdkreis erfüllt«.
Von ihm freilich wissen die heiligen Bücher der Christenheit eine weit tiefere Auskunft zu geben: er sei nicht ein waltendes Etwas, sondern ein Jemand, personaler Geist; nicht bloßes Wehen und Wogen, sondern »Liebe« – wiederum ein Name, der eine nicht-verfügbare Gewalt bezeichnet! Und auch das wird uns gesagt: des Menschen eigener Geist vermöge sich des Ganzen der Welt nicht inniger zu versichern, als wenn er sich von dieser göttlichen Dynamis durchströmen lasse. Was nichts anderes bedeutet, als daß »Spiritualität« die äußerste Verwirklichung geistigen Lebens sei.
Wie also ist das »Fest des Geistes« zu feiern? – Auf diese Frage können, was hier nicht gut ungesagt bleiben kann, zwei Antworten gegeben werden, eine esoterische und eine exoterische. Und auch das Folgende will ausgesprochen sein: daß dies nicht der Ort ist für die esoterische Antwort, das heißt, für die im vollen Sinn christliche Antwort. Alles bisher Gesagte führt nicht weiter als bis an ihre Schwelle.
Die anfangs genannte Verlegenheit aber, die jeden von uns immer wieder einmal betroffen macht, birgt, wenn wir ihr nur nicht in eine vorschnelle Beruhigung ausweichen, eine Hoffnung in sich. Wer nämlich will sagen, wie fern oder auch wie nahe der wortlose Schmerzenslaut, in dem unsere Ratlosigkeit sich ausdrückt, jenen »unaussagbaren Seufzern« sein mag, von denen es in der Schrift heißt, sie seien das Wirken des Geistes selbst?

J. Pieper: Eine Pfingstbetrachtung (1955)

18. Mai 2013

Anspruch der Liebe: Kontrapunktisch (aktualisierter Link)

Hier gehts zum Text

Leben des Geistes (1)


Immer wenn eines der großen überlieferten Feste des Jahres zu feiern ist, beschleicht uns, eingestanden oder nicht, eine gewisse Verlegenheit. Zwar sind wir zugleich versucht, uns von einem sonoren und wohlgelaunten Allerweltsoptimismus einreden zu lassen, das habe nichts weiter zu bedeuten. Dennoch bleibt ein nicht zu beschwichtigender Rest. Und es wäre in der Tat nicht gut, sich völlig beschwichtigen zu lassen und den Sachverhalt einfach zu ignorieren oder leichten Herzens über ihn hinwegzugehen.

Wer aber hier Widerstand zu leisten versucht; wer also darangeht, diese Verlegenheit ins Auge zu fassen, über sie ins reine zu kommen und sie beim Namen zu nennen, dem zeigt es sich bald, daß von zwei Dingen geredet werden müßte, die zwar miteinander zu tun haben, aber nicht identisch sind.

Erstens steht zur Rede, daß uns die unmittelbar praktische Kenntnis davon, wie überhaupt ein Fest zu feiern sei, zu entgleiten scheint. Sobald die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt herbeizuschaffen, uns nicht mehr in Pflicht nimmt, wissen wir nicht, was tun: dies sei schlichthin »die Wahrheit« – so steht es zu lesen in den Tagebüchern von André Gide. Er notiert das keineswegs klagend oder anklagend, sondern mit gelassener Aufrichtigkeit, als kühler Diagnostiker. Und wer vermöchte zu leugnen, daß seine Kennzeichnung die durchschnittliche Realität genau trifft – wie jedermann sie immer wieder einmal an sich selbst erfährt, wenn er, zum Beispiel, am Morgen eines Festtages erwacht.

Nehmen wir an, dieser Jedermann habe keinen Schlaf nachzuholen, und es gebe auch keine liegengebliebene Korrespondenz. Nein, das Einzige, das »zu tun« wäre, sei eben die Begehung des Festes, dies allein, aber gerade dies. Setzen wir ferner voraus, der Mann sei einsichtig und unbestechlich genug, sich einige ansonsten nicht ganz unübliche Ausflüchte zu verbieten; er hat sich also etwa mit sich selbst darüber verständigt, den Umtrunk, den Schmaus und die Ausfahrt ins Grüne nicht schon für ein zulängliches und eigentliches Begängnis des Festes zu halten, für ein willkommenes Beiwerk vielleicht, für ein sinnvolles Ornament, ja – aber nicht für die Sache selbst. – Was aber ist die Sache selbst? Was heißt es, einen Feiertag festlich begehen? Wie macht man das?

Jene Verlegenheit aber betrifft nicht allein das Wie von Feiern überhaupt. Vielmehr entspringt sie – zweitens – auch daraus, daß ein lebendiges Wissen vom inhaltlichen Sinn unserer großen Festtage weithin nicht mehr vorhanden ist. Was eigentlich wird gefeiert – an Weihnachten, an Ostern? Es ist letzthin durch einige Enquêten beunruhigend genug an den Tag gebracht worden, wie ratlos die durchschnittlichen Antworten sind – und welche zum mindesten absonderliche und sinistre Sache sich also zuträgt, wenn die Festtage dennoch »gehalten« werden.

Und nun gar: was wird an Pfingsten gefeiert, am »Fest des Geistes«? – Wenn wir genauer zu sagen versuchen, was eigentlich »Geist« sei, so pflegen wir zunächst den Gedanken an seine Unstofflichkeit, an das Körperlose und Nicht-Materielle zur Hand zu haben. Wohingegen die Alten den Geist vor allem verstanden haben als die Kraft, in Berührung zu kommen mit dem Insgesamt der Welt. Hierdurch, so sagen sie, sei ein geistiges Wesen ausgezeichnet: daß sein Lebensraum die Wirklichkeit im Ganzen sei. Leben des Geistes besagt demnach soviel wie: angesichts der Welt im Ganzen existieren, vis-à-vis de l’univers. Geistiges Leben im uneingeschränkten Wortverstand geschieht, heißt das, einzig da, wo das Ganze der Wirklichkeit zu Gesicht kommt – nicht die gesamte Vielfalt des Einzelnen, sondern der Sinnzusammenhang, der »inbildliche Grund« von allem, was ist.

Wann aber gerät es uns, solchermaßen das Ganze zu berühren? Nicht schon jedenfalls, wenn wir fixierenden Blickes die Verwirklichung von Zwecken betreiben, etwa die »Herbeischaffung des Lebensunterhalts« im weitesten Sinn dieses Wortes. So viel Intelligenz, Erfindungsgabe, Disziplin und Ernst hierzu natürlich vonnöten ist – keiner der großen Zeugen der abendländischen Überlieferung, nicht Platon, nicht Aristoteles, nicht Augustin, nicht Thomas würde dies schon »geistiges Leben« genannt haben (was beileibe nicht bedeutet, daß sie der Leistung des technischen Menschen ihren Respekt, ja ihre Bewunderung versagt haben würden). Die Tagebuchnotiz von André Gide weist also nicht allein auf das Unfestliche eines ausschließlich »praktischen« Lebens hin, sondern auch auf dessen gefährliche Nähe zum Ungeist. Es zeigt sich hier, mit einem Wort, daß Fest und Geist einander auf besondere Weise zugeordnet sind.
(Fortsetzung folgt bald)

J. Pieper: Eine Pfingstbetrachtung (1955)

4. Mai 2013

Es gibt keine sichere Anlage

Lieben heißt verletzlich sein. Liebe irgend etwas, und es wird dir bestimmt zu Herzen gehen oder gar das Herz brechen. Wenn du ganz sicher sein willst, daß deinem Herzen nichts zustößt, dann darfst du es nie verschenken, nicht einmal an ein Tier. Umgib es sorgfältig mit Hobbies und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließ es sicher im Schrein oder Sarg deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein - sicher, dunkel, reglos, luftlos - verändert es sich. Es bricht nicht; es wird unzerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar. Die Alternative zum Leiden, oder wenigstens zum Wagnis des Leidens, ist die Verdammung. Es gibt nur einen Ort außer dem Himmel, wo wir vor allen Gefahren und Wirrungen der Liebe vollkommen sicher sind: die Hölle.

C.S. Lewis: Was man Lieb nennt, Brunnen-Verlag, S. 122

2. Mai 2013

Würde - Last des Hauptseins

Der Mann ist in dem Maß das Haupt der Frau, als er sich zu ihr verhält wie Christus zur Kirche. Er soll sie lieben, wie Christus die Kirche geliebt hat - bitte weiterlesen! - sich für sie dahingegeben hat. (Eph 5, 25). Nicht der Mann, der wir alle sein möchten, verkörpert diese Haupteswürde am umfassendsten, sondern der, dessen Ehe am meisten einer Kreuzigung gleicht; dessen Frau am meisten empfängt und am wenigsten schenkt, seiner am unwürdigsten und von Natur aus am wenigsten liebenswert ist. Denn die Kirche hat nur die Schönheit, die ihr der Bräutigam schenkt; er findet sie nicht lieblich, er macht sie lieblich.Denn das Salböl dieser schrecklichen Krönung wird nicht in den Freuden jeder beliebigen Ehe sichtbar, sondern in ihren Lasten, in Krankheit und Leiden einer guten Frau oder in den Fehlern einer schlechten, in der unermüdlichen (nie zur Schau gestellten) Fürsorge des Mannes oder seiner unerschöpflichen Bereitschaft zu verzeihen - verzeihen, nicht gleichgültig werden. Wie Christus in der fehlerhaften, stolzen, fanatischen oder lauen Kirche auf Erden die Braut sieht, die eines Tages "ohne Makel und Runzeln" sein wird, wie er darum ringt, daß sie so wird, so gibt der Mann nie auf, dessen Würde christusähnlich ist (und eine andere ist ihm nicht erlaubt). Er ist ein König Kophetua, der nach zwanzig Jahren immer noch hofft, daß das Bettelmädchen eines Tages lernen wird, die Wahrheit zu sagen und sich die Ohren zu waschen.

C.S. Lewis: Was man Lieb nennt, Brunnen-Verlag, S. 105s