"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)
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27. Februar 2013

FRANZ VON SALES TRÖSTET DIE MUTTER DES SELBSTMÖRDERS


Mutter, du klagst, von der Brücke
warf sich dein Sohn in den Tod,
weil ihm der Mächtigen Tücke
Folter und Schändung gedroht?

Zitterst, er warf auch den Glauben,
Gnade und Heil von sich,
da er dem teuflisch tauben
Wüten der Henker entwich,

Bürde vom Nacken geschüttelt,
armer entlaufender Knecht,
frevelnd am Tore gerüttelt,
Gottes ureigenem Recht?

Weine, Mutter, o weine -
von Tränen ein Ozean
löscht nicht, was sie an deinen
Kindern unnennbar getan.

Aber wisse, die Milde,
die dir das Herz zerbricht,
spiegelt im Tautropfenbilde
tilgender Liebe gericht:

Zwischen dem Brückengelände
und der spritzenden Dunkelheit
flutet, Meer ohne Ende,
Gottes Barmherzigkeit!

Zum Gedächtnis von Hermann und Sophie Krieger, die sich mit ihrem Kind Rosmarie am 28. Februar 1943, dem Vorabend ihrer Verschleppung nach Polen, das Leben nahmen.

Ida   Friederike Görres: Der verborgene Schatz, S.59

30. Januar 2013

Vollmond

In dieser Nächte
tödlich erblindetes Dunkel
hebst du dich, Mond,
leuchtender Fremdling, o neuer, bestaunter
Spiegel der Gnade.

Ida Friederike Görres

11. Januar 2013

Hohe, feierliche Nacht



Hohe, feierliche Nacht,
unbegreifliches Gepränge,
Aug, das über unsrer Enge
fragend in der Fremde wacht.
Hohe, feierliche Nacht!

Goldne Schrift am Firmament,
ach, wer deutet uns im Blauen,
was wir nur durch Tränen schauen,
was so fern, so selig brennt.
Goldne Schrift am Firmament!

Dunkler Saal voll Sphärenklang.
Taub vom Lärm des eignen Lebens
hört das dumpfe Ohr vergebens
deines Lichtes Lobgesang.
Dunkler Saal voll Sphärenklang!

Holde Nacht, von Sternen klar,
spende Trost, dem Trost mag werden
überm Elend aller Erden,
Wunder, ewig wunderbar.
Holde Nacht, von Sternen klar.

Rudolf Alexander Schröder

9. Januar 2012

Summa summarum





















Sag, wie war' es, alter Schragen,
Wenn du mal die Brille putztest,
Um ein wenig nachzuschlagen,
Wie du deine Zeit benutztest.

Oft wohl hätten dich so gerne
Weiche Arme warm gebettet;
Doch du standest kühl von ferne,
Unbewegt, wie angekettet.

Oft wohl kam's, daß du die schöne
Zeit vergrimmtest und vergrolltest,
Nur weil diese oder jene
Nicht gewollt, so wie du wolltest.

Demnach hast du dich vergebens
Meistenteils herumgetrieben;
Denn die Summe unsres Lebens
Sind die Stunden, wo wir lieben.



Wilhelm Busch (+ 09.01.1908)

4. Dezember 2011

Am zweiten Sonntage im Advent

Evang.: Von Zeichen an der Sonne

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh' ich das Morgenrot im Osten schon
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh' es flimmern, aber bleich, ach, bleich!

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

So muß die allerkühnste Phantasie
Ermatten;
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten,
Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog,
Ob eine Träne mich im Auge trog.

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich -
Ein Schemen!
Mein Sinnen sonder Kraft! - Gedanke bleich.
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein
Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton,
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz'gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und - Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen,
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland und der Seele Brand
Gleich dem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd' und Himmelshöhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.

3. September 2011

Zum Schutzengelmonat

Der Knabe im Moor
O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind -
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor',
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! nur immer im Lauf,
Voran, als woll' es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
»Ho, ho, meine arme Seele!«
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh',
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war's fürchterlich,
O schaurig war's in der Heide!

28. August 2011

Am elften Sonntage nach Pfingsten



Ev.: Jesus weint über Jerusalem.


Zu derselben Zeit, da Jesus nahe an Jerusalem kam, sah er die Stadt an, und weinte über sie, und sprach: »Wenn du es erkenntest, was dir zur Rettung dient, und zwar an diesem deinem Tage, nun aber ist es vor deinen Augen verborgen.«



Mein Jesus hat geweint um seine Stadt,
Ach, auch gewiß um mich hat er geweinet;
Wußt' er nicht damals schon, wie trüb und matt,
Wie hülflos meine Seele heut erscheinet?
Von allem was die heil'ge Bibel trägt
Hat nichts so tief, so rührend mich bewegt.

O, könnt' ich seine teuren Tränen nur
In einem Kelche, einem Tuche fassen,
Wie er Veroniken die heil'ge Spur
Von seinem blut'gen Antlitz wollte lassen;
Sie war die Hochbegnadete vom Herrn,
Doch auch der ärmste Bettler träumt ja gern!

Zu solchem Kelche gäb' ich freudig her
Was ich an kleinen Schätzen mag besitzen;
Von meinem Golde würd' er reich und schwer,
Und meine Edelsteine sollten blitzen.
O zürne, Herr, nicht meiner Albernheit,
Zum Kinde macht mich deine Güte heut!

»Weh wüßtest du, was dir zur Rettung ist!«
Ja wüßt' ich es, wohl wär' es mir zum Frommen!
Doch du, du weißt es ja mein Jesus Christ,
Und nur von dir kann mir die Kunde kommen,
So rede denn, du meines Herzens Hort!
Ich stehe hier und horche auf dein Wort.

Fürwahr ich muß in deinem heil'gen Buch
Viel mehr nach deiner Liebe Zeichen suchen,
Als wo dein Eifer spricht und, weh! dein Fluch!
Ich knicke wie ein Halm, hör' ich dich fluchen;
Nicht heilsam aufgerüttelt, todesmatt
Lieg' ich am Grunde wie ein dürres Blatt.

Ein saftlos Erdreich bin ich, dem nicht mag
Des Kalkes Brand, der Asche Beize taugen;
Ein dürrer Sand treib' ich dem Winde nach:
So will ich deine Himmelstropfen saugen,
Und in dem Tranke gibst du mir vielleicht
Was meinem irrenden Bewußtsein reicht.

Gibst mir ins Herz was ich beginnen soll,
Ob trauernd stehn, ob hoffend fürder schreiten,
Die Gnade ist ja nicht der Stärke Zoll,
Auch zu dem Siechen mag sie niedergleiten.
Du der des Allerschwächsten Schöpfer bist,
Hast auch für ihn ein Heil, mein Jesu Christ!

Drum, wenn die Wolke wieder mich umgibt
Und fast verzweifelnd meine Arm' ermatten,
Dann will ich denken, daß er hat geliebt,
Und meine Wimper heben durch die Schatten.
O meine Seele! sei nicht so versteint,
Du weißt es ja, er hat um dich geweint!

7. September 2010

Es wächst viel Brot in der Winternacht

Heute war ich neugierig und schaute nach, woher wohl der Titel von Ida Friedericke Görres´s Buch "Im Winter wächst das Brot" stammt. Und dieses Gedicht, das gut zu ihrem Buch paßt, war das Ergebnis. 

In der Winternacht 

Es wächst viel Brot in der Winternacht, 
Weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat; 
Erst wenn im Lenze die Sonne lacht, 
Spürst du, was Gutes der Winter tat. – 
Und deucht die Welt dir öd und leer, 
Und sind die Tage dir rauh und schwer: 
Sei still und habe des Wandels acht: 
Es wächst viel Brot in der Winternacht. 

Friedrich Wilhelm Weber