"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)
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10. Februar 2014

Edith Stein - Sich selbst vergessen

Sich selbst vergessen, frei werden von allen eigenen Wünschen und Ansprüchen, ein Herz bekommen für alle fremden Nöte und Bedürfnisse – das kann man nur im täglichen, vertrauten Umgang mit dem Heiland im Tabernakel. Wer den eucharistischen Gott aufsucht und sich mit ihm berät in allen seinen Angelegenheiten, wer sich reinigen lässt durch die heiligende Kraft, die vom Opferaltar ausgeht und sich selbst in diesem Opfer dem Herrn darbringt, wer den Heiland in das Innerste seiner Seele aufnimmt in der Hl. Kommunion, bei dem kann es nicht ausbleiben, dass er immer tiefer und stärker hineingezogen wird in den Strom des göttlichen Lebens und hineinwächst in den mystischen Leib Christi, und dass sein Herz nach dem Bilde des göttlichen Herzens umgeformt wird.

Edith Stein                 Quelle

24. März 2013

collyrium animae oculorumque

Mein Latein war noch nie gut, aber bei diesem Artikel fielen mir diese Worte spontan ein.






"An diesem Sonntag wird zum ersten Mal die Passionsgeschichte verlesen. Und ich fühle mich wie durch Zauberhand zurückversetzt ins Jerusalem des vierten Jahrhunderts. So war es schon vor 1700 Jahren gewesen: In ausdrucksvoller Form wurde schon damals an den heiligen Stätten das Evangelium in verteilten Rollen vorgetragen, wie die französische Nonne Egeria es in frühchristlicher Zeit in ihren Tagebüchern berichtete. Und hier ist es nun ebenso, wie sie es beschrieb: Die Menschen um mich herum gehen richtig mit. „Ohhhh!“ rufen sie, als Jesus vor Pilatus steht. Sie knirschen mit den Zähnen, als die Dornenkrone erwähnt wird. Sie singen empört mit, als der Chor die Worte des Volkes intoniert. Und sie gehen in die Knie, als Jesus am Kreuz stirbt. Ein Schweigen, das Mauern sprengen könnte, füllt den Petersplatz. Als die Diakone schließlich weiterlesen, bricht das große Schnäuzen aus. Selbst hartgesottene Männer hinter mir ziehen gewaltige Taschentücher aus der Anzugtasche."






7. Juli 2012

introibo ad altare Dei

Als ich den alten Ritus hier in Berlin in St. Afra im Institut Philipp Neri kennenlernte, war ich erst einmal ziemlich verwirrt. Denn diese alte Heilige Messe ist etwas völlig anderes. Wenn man sie allein nur anschaut – und da muss man noch gar nichts verstehen – weiß man als Konvertit und ehemaliger Lutheraner sofort: hier geschieht etwas völlig anderes als bei den Protestanten.


Quelle

22. Februar 2012

Stundengebet

"Die Synode hat den Wunsch geäußert, dass sich diese Art des Gebets im Gottesvolk stärker verbreiten möge, besonders das Gebet der Laudes und der Vesper. Eine solche Ausweitung wird von selbst zu einer größeren Vertrautheit der Gläubigen mit dem Wort Gottes führen."

Das wäre auch ein Vorsatz für die Fastenzeit. Als Ansporn gibt´s Blogs für Anfänger und Fortgeschrittene im Stundengebet beten. Tagzeiten und Bändelblog.


Hier einige Horen als mp3 für unterwegs.


4. März 2011

Geschwätzigkeit der Zelebranten

Zu den häufigsten Missbräuchen gehört für Bux die Geschwätzigkeit der Zelebranten, was zur Folge hat, dass der Vollzug der heiligen Handlungen durch viele Mini-Predigten in seiner Ganzheit und Einheitlichkeit unterbrochen wird. Dies führt unweigerlich einen Verlust der Zeiten der Stille und Sammlung mit sich. Die Geschwätzigkeit der Zelebranten ist dabei auf die Überzeugung vieler Priester zurückzuführen, alles erklären zu müssen, was ein mangelndes Vertrauen in die Kommunikationskraft bedeutet, die dem Ritus als solchem innewohnt. 


wie ich gerade lese fand das Stanislaus auch interessant.

26. Februar 2011

Q - Judas mercator pessimus (T.L. de Victoria)



Auf dieses Jahr fällt der 400ste Todestag eines meiner Lieblingskompomisten, Tomás Luis de Victoria. Aus diesem Grund werden nun immer mal wieder Kompositionen von ihm hier erscheinen. Als Einstimmung im Hinblick auf die Vorfastenzeit : Judas mercator pessimus (die Noten für die Sänger unter uns).

14. Januar 2011

Santa Fe 3

Eine schlechterdings unglaubliche »Indianer-Geschichte« aber habe ich auf dem Weg zu unserem Mittagsmahl vernommen, und ich hätte sie dem Erzähler keinesfalls abgenommen, wäre er nicht ein durch sie persönlich Betroffener und dadurch legitimiert gewesen. Ort der Handlung: Isleta, ein Indianerdorf in Neu-Mexiko. Hauptakteur: der Pfarrer dieser Gemeinde, ein Priester deutscher Abstammung. Die Indianer von Isleta pflegten am Tag nach Weihnachten die Krippe aus der Kirche zu holen und sie in eine auf der Plaza errichtete »Laubhütte« zu bringen und dann vor dem Christkind zu tanzen. Der Pfarrer nun fand, dies sei ein unchristlicher Brauch und beschloß, ihm ein Ende zu machen. Es war ihm natürlich bekannt, daß die Indianer nur auf der nackten Erde tanzen können. Und so kam er auf den Gedanken, die ungepflasterte Plaza mit einer Betondecke zu versehen, was dann auch geschah. Nun aber besitzen die Indianer in bezug auf Gerichtsbarkeit und Polizei eine gewisse Autonomie. Und sie forderten den Pfarrer auf, vor ihrem Rat zu erscheinen; dort fragte man ihn feierlich, ob er die Absicht habe, die religiösen Bräuche ihres Stammes abzuschaffen. Der Pfarrer, ein offenbar unerschrockener Mann, erklärte jedenfalls das Tanzen vor dem Christkind als einen unchristlichen Brauch, den er nicht dulden werde. Daraufhin wurden ihm Handschellen angelegt; man brachte ihn an die Grenze der Reservation, wo man ihn freiließ, ihm aber klar zu verstehen gab, er solle sich hier nur ja nicht wieder blicken lassen. An diesem Punkt des Berichts blieb ich stehen und fragte: »Wie lange liegt das alles zurück?« – »Genau fünf Jahre!« – »Es ist also 1965 passiert?« – »Ja! Aber ›mittelalterlich‹ ist erst das, was nun kommt!« – Jetzt war nämlich der Bischof am Zuge; er konnte ja zu dem Geschehenen nicht einfachhin schweigen; er mußte etwas tun. Aber was er dann tat, war schrecklich: er verhängte das Interdikt, das heißt, er verbot in der Gemeinde jede gottesdienstliche Handlung, außer das Sterbesakrament. Die Indianer litten darunter sehr; aber sie beklagten sich nicht. Und auch der Bischof blieb bei seinem Entschluß. »Das Trauerspiel dauert also schon fünf Jahre? Wie geht es nun weiter?« Ich hörte es dem Ton der Berichterstattung schon an, die Sache müsse doch noch ein gutes Ende genommen haben. »Der Bischof hat das Interdikt aufgehoben und einen anderen Pfarrer für Isleta bestellt, nämlich mich! Im nächsten Monat übernehme ich mein neues Amt.« – »Und was werden Sie tun?« – »Meine erste Anordnung wird inzwischen schon ausgeführt: die Plaza wird vom Beton befreit!« 
(Obs.: der Schluß war ursprünglich als "Santa Fe 4" geplant und wird nun unter diesem Namen gepostet)

13. Januar 2011

Santa Fe 2

Zehn Tage danach ein völlig anderes Bild: die ganz und gar indianische Fiesta in Santo Domingo! – Ich halte mich während dieser Ausfahrt möglichst in der Nähe des ungewöhnlich kundigen Senor Suarez, der sich bereitgefunden hat, uns zu begleiten. Er selbst hat indianisches Blut; seine aus Santo Domingo stammende Großmutter ist, als ein spanisch sprechender Amerikaner, ein »Chicano«, sie heiratete, aus dem Stammesverband ausgestoßen worden. Der Enkel aber hat viele Freunde unter den Indianern dieser gleichen Siedlung. Und natürlich ist er mit den Riten der nun gefeierten Fiesta bis ins einzelne vertraut. – Nach Santo Domingo kommen an diesem Tag von weit her Hunderte von schaulustigen Amerikanern. Sie werden von den durchaus geschäftstüchtigen Indianern sogleich auf wohlausgebaute Parkplätze geleitet und so in gebührender Distanz von ihrem Dorf gehalten. Zugleich mit dem Parkschein, der übrigens ganze fünf Dollar kostet, wird ihnen ein Merkblatt übergeben, auf dem einige, für Amerikaner recht einschneidende Verbote aufgeführt sind, deren Beobachtung, wie sich nachher zeigt, streng überwacht wird: »absolut« kein Fotografieren, keine Tonband-Aufnahmen und kein Alkohol! – Als wir eintreffen, ist das Fest schon in vollem Gang. An die zweihundert Männer und Frauen bilden, nach dem Geschlecht in getrennte Viererreihen geordnet, einen dichtgefügten Block von Tänzern, der sich kaum vom Fleck bewegt. Die Frauen allesamt barfüßig, damit, so sagt unser Begleiter, die Fruchtbarkeit der Erde in ihren Schoß hinaufdringen kann; alle Männer tragen Stiefel, doch ist ihr Oberkörper nackt. Im prallen Sonnenschein sieht man, wie ihnen der Schweiß in Strömen über die Brust rinnt. Der Tanz besteht in einer wiegenden Bewegung des Körpers und in einem rhythmischen Stampfen der Füße. Die Frauen halten einen Pinienzweig in der Hand, die Männer eine mit Kernen gefüllte Kürbis-Rassel. Ein Chor von etwa dreißig-vierzig Männern, der gleichfalls seinen Standort nicht verändert, singt dazu; die Worte ihres Gesanges, der nur scheinbar aus bloßen vokalischen Rufen besteht, sind genau festgelegt; und auch den Tänzern ist, wie uns gesagt wird, keine Abweichung von dem nicht leicht durchschaubaren Rhythmus erlaubt. Nachdem der Tanz, durch kurze Pausen unterbrochen, mehrere Stunden gedauert hat, ziehen die Tänzer, die völlig erschöpft sein müssen, in einer einzigen langen Reihe zu dem mitten auf der Plaza aus grünen Zweigen aufgerichteten Gehäuse, welches das Standbild des Heiligen birgt; bevor sie hineingehen, werden ihnen von älteren Frauen Brote und auch Kerzen in die Hand gegeben, die vor dem Heiligen niedergelegt und später, als nunmehr geweihte Gaben, unter die Dorfbewohner verteilt werden. Schließlich steigen die Männer in den unterirdischen Kultraum (Kiwa) hinab, den zu betreten sonst niemandem gestattet ist; man sieht nur die oberen Sprossen einer Leiter aus dem Einstieg herausragen. Dort werden die kultischen Gewänder abgelegt, mit denen man sich eben dort zuvor bekleidet hat. Die Touristen klatschen lange Beifall, als sei das Ganze ein Schaustück und eine folkloristische Darbietung. Die Indianer jedoch, auch das steht auf dem Merkblatt zu lesen, betrachten ihren Tanz als ein Gebet, das »Gott, unserem Vater, sagen soll, daß wir ihn lieben – wie auch Dominikus es auf seine Weise tat«. – Von unserem Begleiter hören wir, für ihn sei es ganz undenkbar, seine Freunde, etwa während einer Tanzpause, zu begrüßen und mit ihnen über dies und jenes zu reden; sie würden sich sogar so verhalten, als sei er ihnen überhaupt nicht bekannt. »So lange sie ihr kultisches Gewand tragen, sind sie in einer anderen Welt.« 
Noch am gleichen Abend, bei der kritischen Besprechung der Meßfeier, habe ich, mit einiger Arglist, die Rede auf genau diesen Punkt gebracht, mit der unumwundenen Behauptung, diese für die Indianer offenbar selbstverständliche Sache sei für uns »nachkonziliare« Christen von höchster Aktualität. Nicht selten hatte ich es erlebt, daß ein Priester nach dem Gemeindegottesdienst im Meßgewand geradewegs vom Altare auf den Vorplatz ging, um dort, vielleicht gar eine Zigarette rauchend, mit seinen Pfarrkindern zu plaudern. 
Meine These also war, es handle sich hier um eines der uns weithin abhanden gekommenen praeambula sacramenti. Wiederum war es gar nicht leicht, und ich zweifle ein wenig, ob es mir gelungen ist, diesen Klerikern begreiflich zu machen, was die »heiligen Gewänder« bedeuten, und daß der Priester, der eine »heilige Handlung« zelebriert, sich wirklich für diese Spanne Zeit in einer »anderen« Welt befindet. – In der Tat, bei den Indianern gab es erstaunlich viel zu lernen, gerade für die »Kunst des Feierns«. 
Wie es allerdings, aufs Ganze gesehen, um die Kirchlichkeit dieser vor mehr als dreihundert Jahren durch spanische Franziskaner zum Christentum bekehrten Indianer bestellt sei, habe ich nicht herauszufinden vermocht. Wer danach fragt, bekommt wenig befriedigende Antworten. Zwanzig Jahre zuvor schon (1950) hat mir einer der Missionare in Santa Fe berichtet, hin und wieder werde ein Mädchen zu ihm geschickt mit der Botschaft, am nächsten Sonntag komme er, der Priester, besser nicht in die Gemeinde. »Dann vollführen sie ihre heidnischen Traumtänze.« Ich hatte schon von Totengedächtnis-Riten im »Kiwa« gehört; man sprach auch von »Ahnenkult«. Und so fragte ich zurück, was er unter »Heidentum« verstehe. Darauf bekam ich eine eindeutige Antwort: »Verehrung falscher Götter!« – Einer unserer Kursteilnehmer, Pfarrer in Albuquerque, sagte, seines Wissens sei noch kein Indianer, jedenfalls keiner aus dem Stamm der Pueblos, jemals katholischer Priester geworden; und als 1954 oder 1955 einmal drei junge Indianer ins Priesterseminar eingetreten seien, hätten ihre Leute sie einfach umgebracht. Ich konnte es kaum glauben. Welch ein Land! 

12. Januar 2011

Santa Fe 1

Noch nie, obwohl nun schon zum vierten Mal in Neu-Mexiko, hatte ich eine indianische Fiesta erlebt. Nun aber fielen einige von den rund um Santa Fe in den Dörfern mit großer Feierlichkeit begangene Heiligenfeste gerade in die Zeit unseres Kurses. Und es gehörte ausdrücklich zum Programm, daß wir die nahe gelegenen Indianer-Siedlungen an ihren großen Festtagen besuchen würden: Santa Anna, Santo Domingo und noch eine andere Gemeinde, die einen etwas großartigen englischen Namen führte, deren Schutzheiliger aber der Apostel Jakobus (Santiago) war. Den Anfang machte eben dieses Jakobus-Fest in Park View. Die Pfarrei wurde von Franziskanern betreut, und es waren Scharen von meist jungen Mönchen im braunen Gewand der Minderbrüder herbeigeströmt, um den Festtag mitzufeiern. In dem vielfarbigen Umzug, der auf das pompös gefeierte Hochamt folgte, zog zwar auch eine armselige kleine Gruppe von Indianern mit, die zum Schluß, nicht sonderlich beachtet, ihre Tänze vorführten; doch war es im Grunde ein Fest, das eher an Santiago de Compostela oder gar an Sevilla erinnerte – wenngleich das noch im Gottesdienst ausschließlich gesprochene Spanisch dann plötzlich durch die englische Sprache ausgelöscht schien; wie auch die an der Außenwand der Kirche angebrachte Aufforderung Smile! God loves you! ohnehin nirgendwo anders denkbar war als in Amerika. 


Immerhin gab es im Festzug die Augenweide einer langen Reihe von jungen Frauen im weißen Spitzenschleier über dem im schwarzen Haar hochgesteckten Kamm. Vor allem war da der prächtig gewandete Reitertrupp der Caballeros de Santiago, die im Galopp der Prozession vorausstürmten und immer wieder zu ihr zurückjagten. Sie trugen auch die Fahnen und Banner, die das Festprogramm genau beschrieb: nach der amerikanischen und der päpstlichen etwa die Flagge der alten kaiserlich-spanischen Flotte (»rot und golden, mit dem Löwen von Leon und dem Turm von Castillo«); und sogar die Wappen der Habsburger und der Bourbonen fehlten nicht. – Nach dem in der Juli-Sonne absolvierten Festzug luden uns die Franziskaner zu einem, im Innenhof des Pfarrhauses improvisierten, aber recht üppigen Mahl ein; die Mönche hatten sogleich ihre braunen Kutten abgeworfen und sahen nun mehr jungen Cowboys ähnlich. Im lebhaften Gespräch blieb es nicht verborgen, daß ich der Autor einiger Bücher sei, die nicht wenige von ihnen zum Examen hatten lesen müssen; und so war mein Stuhl im Schatten unversehens wie von einer kleinen Schar von dienstfertigen Pagen umstellt, die mich mit besonderen Leckerbissen und fast zu reichlich mit Whisky traktierten. 

14. Dezember 2010

tenebrae

Aurem tuam, quaesumus, DOMINE, precibus nostris accomoda: et mentis nostrae tenebras, gratia tuae visitationis illustra.


Wir bitten Dich, o HERR: schenke unseren Bitten Gehör und mache hell die Finsternisse unsres Geistes durch die Gnade Deines Kommens.


Oratio vom 3. Advent

29. November 2010

Nur wer schweigt, hört - Teil 2

Der Hörende (Skulptur von Toni Zenz)
Freilich kann es auch geschehen, daß es dem Menschen, der sich bis in den Grund der Seele hinein dem wahrhaft Wirklichen öffnet, die Sprache verschlägt, weil die Überfülle des nun Vernehmlich-werdenden die Möglichkeiten des benennenden Wortes sprengt. Darum sind nicht zufällig »Dunkel des Schweigens« und »stummer Jubel« Grundworte der großen Mystiker. Und wenn sie dennoch reden und schreiben von dem, was sie geschaut und vernommen haben, dann fühlt man stets »im Silber der Rede das Gold eines Schweigens, das den geheimsten Reichtum der Seele nicht ins Wort geben konnte« (J. Bernhart). Vielleicht also gilt, in bezug auf den höchsten Gegenstand menschlicher Erkenntnis, eines Augenblicks die Umkehrung des an den Anfang gestellten Satzes: Wer hört, schweigt. 
Der Horizont des Begriffes »Schweigen« hat erstaunliche Ausmessungen. Man begegnet ihm nicht allein in den Lebenslehren der Weisen. Auch in der Geschichte der Weltdeutung hat er einen denkwürdigen Platz. So reicht seine Erstreckung von der Kosmogonie der hellenistischen Gnostiker, denen die Zweieinheit des »Unnennbaren« und des »Schweigens« als der ungezeugte Seinsgrund der Welt galt, über die mystisch-asketischen Schweigegebote des Pythagoras und der Mönchsorden des Ostens wie des Westens bis hin zu der so anmutigen wie tiefsinnigen Courtoisie, mit der, in Shakespeares Tragödie, Coriolan sein Weib Virgilia begrüßt: »Mein lieblich Schweigen, Heil!« (1943) 
Es ist eines, sich kraft willentlicher Setzung des Wortes zu enthalten; ein anderes ist, nicht reden zu können, weil es einem die Sprache verschlägt. Das Schweigen der ersten Art ist ein im strengen Sinne menschliches Schweigen; wie auch das Wort, die Fassung des Sinnes im lautenden Hauch, dem innersten Bereich des eigentlich Menschlichen zugehörig ist. Wo die Kraft zum Wort erlischt, da tritt der Mensch an die Grenze seines Daseins. Es kann dies die Grenze nach unten sein, aber auch die Grenze nach oben. Solches Versagen der Wortkraft aber mag nicht so sehr ein eigentliches Schweigen als vielmehr ein Stummwerden heißen. 
Auf einer Fahrt durch Island schrieb mir eine gastliche Freundin ins Wanderbuch den nordländischen Spruch: Tiefstes Leid und höchste Freude gehen wortlos über die Erde. 
Es gibt physische und seelische Schmerzen, die den Menschen im gleichen Maße verstummen machen, wie sie ihn, sozusagen entmächtigt, aus seiner eigenen Natur verweisen. Der todkranke Rilke notierte: »Le chien malade est encore chien, toujours. Nous, à partir d’un certain degré de souffrances insensées, sommes-nous encore nous?« Und der bekannte Goethe-Vers, gibt er nicht vornehmlich dies zu bedenken: daß ein Gott es ist, der dem in seiner Qual verstummten Menschen die Sprache, wie ein Ungeschuldetes, verleiht? 
Aber nicht allein wenn wir unter die Schwelle unseres Wesens hinabgezwungen, sondern auch wenn wir über unser Vermögen hinausgehoben werden – verlieren wir die Sprache. 
Wer als sterblicher Mensch in das Licht des Göttlichen tritt, wird geblendet, so daß, wie Finsternis und übergroße Helligkeit dem Auge das gleiche bedeuten, auch die Überfülle des Sagbaren unsagbar wird. 
Der Herzbereich menschlichen Seins, der bebaute Acker von Wort und Sprache, grenzt also, rechts wie links, an die Wortlosigkeit: an das Verstummen der unmündigen Kreatur und an das Verstummen des Mystikers. Nach unten aber, in die Tiefe, treibt die Rede ihre Wurzeln in das nährende Erdreich des Schweigens. (1943)