"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)

29. Dezember 2013

Ermahnung zu hören

Ein Mann in einem grauen, zu kurzen Anzug, der im Restaurant allein am Tisch sitzt, ruft plötzlich »Psst!« in die dahinplappernde Menge der Gäste, so laut, daß alle, nachdem er dies zwei Mal wiederholt hat, zu seinem Tisch hinblicken und das Stimmengewoge stockt, beinahe versickert und nach einem letzten, kräftigen »Psst!« des Mannes endlich einer Totenstille weicht. Der Mann hebt den Finger und sieht horchend zur Seite und alle anderen horchen mit ihm still zur Seite. Dann schüttelt der Mann den Kopf: nein, es war nichts. Die Gäste rühren sich wieder, sie lachen albern und uzen den Mann, der sie zu hören ermahnte und die gemischteste Gesellschaft in eine einträchtig hörende Schar verwandelt hatte, wenn auch nur für Sekunden.

Botho Strauß

Gebet an die Heilige Familie von Nazaret

Jesus, Maria und Josef,
auf euch, heilige Familie von Nazaret,
richten wir heute unseren Blick
mit Bewunderung und Zuversicht;
in euch betrachten wir
die Schönheit der Gemeinschaft in wahrer Liebe;
euch empfehlen wir alle unsere Familien an,
dass sich in ihnen das Wunder der Gnade erneuert.

Heilige Familie von Nazaret,
faszinierende Schule des Evangeliums:
lehre uns, deine Tugenden nachzuvollziehen
mit einer weisen geistlichen Ordnung,
schenke uns einen klaren Blick,
der uns das Werk der Vorsehung
in der alltäglichen Wirklichkeit
erkennen lässt.

Heilige Familie von Nazaret,
treuer Wahrer des Geheimnisses der Erlösung:
schenke uns neu das Wertschätzen der Stille,
mach unsere Familien zu Orten des Gebetes
und lass sie zu kleinen Hauskirchen werden,
erneuere das Verlangen nach Heiligkeit,
stütze uns in der edlen Anstrengung der Arbeit, in der Erziehung,
dem Zuhören, im gegenseitigen Verstehen und im Verzeihen.

Heilige Familie von Nazaret,
wecke in unserer Gesellschaft das Bewusstsein
des heiligen und unverletzlichen Charakters der Familie,
eines unschätzbaren und unersetzlichen Gutes.
Jede Familie sei ein gastfreundliches Heim der Güte und des Friedens
für die Kinder und für die Alten,
für die Kranken und die Einsamen,
für die Armen und Bedürftigen.

Jesus, Maria und Josef,
euch bitten wir voll Vertrauen, euch vertrauen wir uns mit Freude an.

Papst Franziskus (rv 27.10.2013 ord)

23. Dezember 2013

Die echte Karriere eines Mannes


Die echte Karriere eines Mannes... ist seine Familie. Im Leben hat es der zu etwas gebracht, der es bei sich zu Hause zu etwas gebracht hat. Der einzig wahre und gesunde Ehrgeiz besteht darin, stolz auf seine Familie zu sein. Der Rest, der ganze Rest, Beförderung, Aufstieg, Ruhm, ist nichts als Schaumschlägerei, Flucht nach vorn, Ablenkung vom Wesentlichen.
Yasmina Khadra

22. Dezember 2013

Neuheidentum

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht. Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst. Es wird der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solche äußere Verluste nur wachsen können: Nur wenn sie aufhört, eine billige Selbstverständlichkeit zu sein, nur wenn sie anfängt, sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen.
 
(Kardinal Joseph Ratzinger)

14. Dezember 2013

Gehirnamputiert


Wer gegen Frauenquoten argumentiert, weil sie Menschen einzig wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit privilegieren, ist ein Frauenfeind; wer meint, es existierten fundamentale Unterschiede biologischer Art zwischen den Geschlechtern, und die Theorie, dies seien nur anerzogene Rollen, für noch erstaunlicheren Unsinn hält als das ptolemäische Weltbild, weil dieses wenigstens dem Augenschein entsprochen habe, ist ein Sexist; wer einer Frau sagt, dass sie schön sei, desgleichen; wer sich gegen die Eheschließung von Homosexuellen ausspricht, weil diese Beziehungen der ehelichen Verbindung zwischen Mann und Frau eben nicht gleichwertig seien, denn es können daraus ohne Hilfe Dritter keine Kinder entstehen, ist homophob; wer darauf hinweist, dass gewisse Ausländergruppen erhebliche soziale und vielen Bewohnern dieses Landes auch handfeste Gesundheitsprobleme bereiten, ist ein Ausländerfeind; wer zu allem Übel noch behauptet, besagte Probleme resultierten nicht nur aus sozialen Ursachen, sondern seien auch ethnisch-kulturell bedingt, ja wer überhaupt meint, dass es andere als soziale Unterschiede zwischen den Menschen gibt, ist ein Rassist; wer obendrein den Verdacht äußert, die Lehre Mohammeds sei gar nicht so friedlich wie z.B. die des Jesus Christus oder des Gautama Buddha, ist ein Islamfeind; wer der Ansicht zuneigt, die Bevölkerungsentwicklung sei unser Schicksal, ist ein Biologist; wer wiederum wähnt, die Deutschen bekämen zu wenige Kinder und man könne nicht einfach die ansässige Bevölkerung in kurzer Zeit durch ethnisch Andersartige austauschen, ohne das gesamte System aufs Spiel zu setzen, ist ein Nationalist; wer an der Vielfalt Europas hängt, die EU für den wüstesten Zentralismus in der Geschichte des Kontinents hält und die Brüsseler Eurokraten für durch nichts und niemandem legitimierte sozialistische Bevormunder, ist ein Europahasser; wer nicht zur Wahl geht, weil ihn bereits der Anblick der Kandidaten bei ausgeschaltetem Ton anwidert, ist ein Antidemokrat; wer aus der multimedial verbreiteten deutschen Verbrechenskunde aussteigen und wieder Universalgeschichte treiben bzw. lehren möchte, ist ein Geschichtsrevisionist; wer die sogenannte moderne Kunst im Normalfall für eine Veranstaltung unbegabter Künstler, aber talentierter Gauner hält, ist ein Antimodernist; wer zwischen den verschiedenen Kulturen eine Rangordnung statuiert und nicht daran glauben mag, dass die Welteinheitskultur ein erstrebenswertes Ziel sei, ist ein Reaktionär; wer wiederum Europa als kulturelles Maß aller Dinge verteidigen will, ist ein ca. Faschist; wer mit Menschen, die weder einen ungefähren Überblick über die vergangenen 3000 Jahre Geschichte besitzen noch Gedichte auswendig wissen, gar nicht erst reden mag, ist elitär ..– diese Kriterien mögen einstweilen genügen, um einen kultivierten, angenehmen, zum Gespräch einladenden Menschen zu beschreiben. 


Katholische Soziallehre und Wirtschaftsordnung

Will man die Aussagen von Papst Franziskus zum „Kapitalismus“ richtig verstehen, dann ist dies nur im Kontext der gesamten Sozialverkündigung der Kirche möglich. Welche Aussagen dabei im Einzelnen zu berücksichtigen sind, habe ich in dem Beitrag „Katholische Soziallehre und Wirtschaftsordnung. Markt und Moral in den Sozialenzykliken“ in der soeben erschienenen Internet-Ausgabe des „Lexikon Soziale Marktwirtschaft“ dargelegt, der hier abzurufen ist:  LINK

30. November 2013

Homosexuelle „Familien“

27. November 2013
In einem Vortrag über Familie, Adoption und Kinder merkt Bernhard Lassahn mit feinem Gespür für Nuancen an, dass in dem unter anderem auch von Walser und Grass unterzeichneten offenen Brief an alle Mitglieder des Bundestages zur Legalisierung der Homo-Ehe die verräterischste Formulierung lautete: "Gleichgeschlechtliche Liebe ist Liebe wie jede andere auch." Es gibt nämlich kein "jede", sondern eben nur eine, die normale, ewige, zumindest tendenziell der Fortpflanzung der Gattung dienende Liebe – und eine Reihe von Normabweichungen mit gewiss individuell hohem Amüsementwert, aber eben ohne Kinder als Ziel und Ergebnis und folglich nicht gleichwertig. Da den Autoren des Briefes das natürlich klar gewesen sei, so Lassahn, haben sie das einen vermeintlichen Plural oder gar Pluralismus suggerierende, die Tatsachen indes vernebelnde Wörtchen "jede" gewählt. 
 
Aber existieren nicht homosexuelle „Familien“ durch Adoption oder künstliche Befruchtung, mithin eben doch mit Kindern als Ziel? Nun, es gibt kein Kind auf dieser Welt, das nicht Vater und Mutter hat. Homosexuelle „Familien“ sind damit per se Trennungsfamilien ­– mindestens ein Elternteil fehlt immer und wird durch den gleichgeschlechtlichen Partner ersetzt. Das Kind wird seinen Vater oder seine Mutter entweder nie kennenlernen oder in seelische Konflikte geraten. Das ist für Homosexuelle eine tragische Situation, ohne Frage, und wie alle ernsthaften Probleme eben nicht zufriedenstellend zu lösen. Auch hier kommt Lassahn mit sicherem Gespür auf den wunden Punkt: Bislang galt das Schicksal, ein Trennungskind zu sein, immerhin als nicht wünschenswert. Nun wird es im Sonderfall homosexueller „elterlicher“ Selbstverwirklichung auf einmal zweitrangig und vernachlässigbar. Warum eigentlich? Weshalb sollte das Wohl der „Eltern“ wichtiger als das des Kindes sein?
Wer solche Fragen öffentlich diskutieren will, wird gemeinhin von der Homosexuellenlobby niedergebrüllt und nicht ins Fernseh eingeladen. Ich kenne freilich einige Schwule, die sagen, dass man als Homosexueller akzeptieren müsse, anders zu sein und nicht alles haben zu können, was Heteros bekommen. Einer bezeichnete seine Kinderlosigkeit sogar als „Wunde“, die er zeitlebens mit sich trüge. Ein Homosexueller mit Distinktion könnte sich ungefähr so äußern: Im Grunde ist Homosexualität eine Zeugungsbehinderung, etwa wie Einbeinigkeit eine Gehbehinderung ist, ohne dass Einbeinige in irgendeiner Weise weniger wert wären als Zweibeiner, nur in puncto Laufen dann leider wohl doch. Aber unsere Gleichmacher und Nivellierer aller Fraktionen, Fakultäten und Redaktionen wollen das nicht akzeptieren, nicht bei den Zeugungs- und strenggenommen auch nicht einmal bei den Gehbehinderten. Einbeinigkeit ist nämlich eine Fortbewegungsart wie jede andere auch. 

Michael Klonovsky 

Gibt es etwas hinter dem Horizont?

Der Urknall ist in Wahrheit unser Horizont in der Zeit und im Raum. Wenn wir ihn als Nullpunkt unserer Geschichte betrachten, dann aus Bequemlichkeit und in Ermangelung eines Besseren. Wir sind wie Entdeckungsreisende vor einem Ozean: Wir sehen nicht, ob es hinter dem Horizont etwas gibt. 

 Hubert Reeves

P.S.:Die Urknall-Theorie stammt übrigen von einem von "uns"! Abbé Georges Lemaître, einem Belgier.

28. November 2013

Solschenizyn - Archipel Gulag


Vor 40 Jahren, am 28.12.1973, veröffentlichte Solschenizyn sein erschütterndes Buch: Archipel Gulag. Wer meint es gehe ihm schlecht, sollte es einmal oder noch einmal lesen! Viele Christen wurden Opfer dieser Vernichtungslager.
 

Romanian Greek-Catholic Bishops in Gulag


 "Die Verhaftung! Soll ich es eine Wende in Ihrem Leben nennen? Einen direkten Blitzschlag, der Sie betrifft? Eine unfaßbare seelische Erschütterung, mit der nicht jeder fertig werden kann und oft in den Wahnsinn sich davor rettet? Das Universum hat so viele Zentren, so viele Lebewesen darin wohnen. Jeder von uns ist ein Mittelpunkt des Alls, und die Schöpfung bricht in tausend Stücke, wenn Sie es zischen hören: »SIE SIND VERHAFTET!« Wenn schon Sie verhaftet werden - wie soll dann etwas anderes vor diesem Erdbeben verschont bleiben? Unfähig, diese Verschiebungen im Weltall mit benebeltem Gehirn zu erfassen, vermögen die Raffiniertesten und die Einfältigsten unter uns in diesem Augenblick aus der gesamten Erfahrung ihres Lebens nichts anderes herauszupressen als dies: »Ich?? Warum denn??« - Eine Frage, die schon zu Millionen und Abermillionen Malen gestellt wurde und niemals eine Antwort fand."

26. November 2013

Sich von Ihm finden lassen


Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Es gibt keinen Grund, weshalb jemand meinen könnte, diese Einladung gelte nicht ihm, denn »niemand ist von der Freude ausgeschlossen, die der Herr uns bringt«. Wer etwas wagt, den enttäuscht der Herr nicht, und wenn jemand einen kleinen Schritt auf Jesus zu macht, entdeckt er, dass dieser bereits mit offenen Armen auf sein Kommen wartete. Das ist der Augenblick, um zu Jesus Christus zu sagen: „Herr, ich habe mich täuschen lassen, auf tausenderlei Weise bin ich vor deiner Liebe geflohen, doch hier bin ich wieder, um meinen Bund mit dir zu erneuern. Ich brauche dich. Kaufe mich wieder frei, nimm mich noch einmal auf in deine erlösenden Arme.“ Es tut uns so gut, zu ihm zurückzukehren, wenn wir uns verloren haben! Ich beharre noch einmal darauf: Gott wird niemals müde zu verzeihen; wir sind es, die müde werden, um sein Erbarmen zu bitten. Der uns aufgefordert hat, »siebenundsiebzigmal« zu vergeben (Mt 18,22), ist uns ein Vorbild: Er vergibt siebenundsiebzigmal. Ein ums andere Mal lädt er uns wieder auf seine Schultern. Niemand kann uns die Würde nehmen, die diese unendliche und unerschütterliche Liebe uns verleiht. Mit einem Feingefühl, das uns niemals enttäuscht und uns immer die Freude zurückgeben kann, erlaubt er uns, das Haupt zu erheben und neu zu beginnen. Fliehen wir nicht vor der Auferstehung Jesu, geben wir uns niemals geschlagen, was auch immer geschehen mag. Nichts soll stärker sein als sein Leben, das uns vorantreibt!


Papst Franziskus: Evangelii Gaudium, Nr. 3

24. November 2013

Hingabe an welchen Gott?

Probieren wir es doch einmal: „Herr, ich übergebe Dir meinen freien Willen“. Sofort spüren wir, was sich im Inneren alles dagegen wehrt, was für ein Stolz sich plötzlich erhebt. „Ich? Meinen Willen? Wer bin ich denn?“ Daran können wir erkennen, welche Gottesvorstellung wir haben. Wir reagieren oft, als würden wir uns einem Tyrannen unterstellen, nicht dem Gott und Vater Jesu Christi. Eine Grundvoraussetzung für das Beten schlechthin ist das richtige Gottesbild. Die Hingabe meines freien Willens ist die höchste Form der Gottesverherrlichung. Mit dieser Ganzhingabe, sagt Theresia von Avila, beginnt überhaupt erst geistliches Leben. Vorher ist es gleichsam nur ein „Herumschnuppern“ am Mantelsaum Gottes, aber noch keine persönliche Begegnung. Erst in der Ganzhingabe kann Gott handeln, dann kann er sich mir offenbaren. Aber ich muß ihm zuerst alle Zugänge öffnen, denn er zwingt sich nicht auf.

P. Hans Buob SAC

2. November 2013

konservativ progressiv


Die katholische Kirche ist lustfeindlich, frauenfeindlich, undemokratisch, hierarchisch unterdrückend, veraltet, romzentrisch, überhaupt institutionell«: So in etwa wird geredet, wenn die Sprache auf diese Kirche kommt ...

Vielmehr sticht zunächst bloß das eigenartige Phänomen ins Auge, dass man für solche Behauptungen keine Argumente mehr benötigt. Wer so spricht, dem wird dennoch fast in jedem beliebigen Kreis Zustimmung zuteil werden. Vor allem bei vielen kirchlichen Gruppierungen sind das inzwischen In-Bemerkungen, die sozusagen zum Gattungsbestand gehören und Totemfunktion haben. Das wird an der geradezu urtümlichen Heftigkeit deutlich, mit der geringste Abweichungen von diesem Kanon streng sanktioniert und gegebenenfalls mit Ausstoßung aus der Gruppe der Wohlmeinenden geahndet werden. Warum aber um alles in der Welt legen selbst Kirchenmitglieder auf die Einhaltung dieser Negativklischees einen so großen Wert? Masochistische Selbstbestrafungstendenzen? Doch diese Menschen machen einen ausgesprochen gesunden, geradezu berstend normalen Eindruck!

Wer nach anderen Gründen sucht, der stößt auf ein interessantes sozialpsychologisches Phänomen. Während Katholiken noch vor 40 Jahren eher genau gegenteilige Auffassungen vertraten und jeden Abweichler ausstießen - wehe, jemand sagte etwas gegen den Papst! -, ist das strenge konservative Festhalten an einem Überzeugungskodex heute unverändert, nur der Inhalt hat sich ins Gegenteil verkehrt. Da sich aber die Begriffe konservativ und progressiv unsinnigerweise über den Inhalt definieren, halten sich heutige Vertreter der oben genannten Klischees für mutige Progressive, während sie doch formal die strikt konservative Haltung ihrer Vorväter unverändert an den Tag legen. Diese unreflektierte Konservativität der »Progressiven« ist eines der Grundprobleme der heutigen Kirche. Denn die Selbstdefinition übersieht die unbewegliche und veränderungsfeindliche Starrheit der inhaltlich »progressiven« Positionen, die ganz im Trend liegen und damit keinerlei vitales Innovationspotenzial enthalten. Hierhin gehört auch die so oft festzustellende erstaunliche Intoleranz der »Toleranten«, denn wer sich selbst als tolerant definiert, läuft Gefahr, für die eigene Intoleranz blind zu werden. Wer also behauptet, das traditionelle katholische Milieu gebe es nicht mehr, der hat vielleicht in der falschen Richtung gesucht. Spätestens der gutbürgerliche Habitus dieser so genannten Progressiven verrät, dass man es hier eben keineswegs mit Umstürzlern zu tun hat.

M. Lütz: Der blockierte Riese, S. 22f

30. Oktober 2013

Löslösung - Hinwendung zu GOTT


Wir haben vom Fasten vielfach einen zu engen Begriff: nichts Essen, nichts Trinken. Das ist auch ein Fasten. Aber denken wir einmal daran, was der Prophet sagt vom „Fasten, das Gott gefällt: Witwen unterstützen, Waisen helfen“ (vgl. Jes 1,17; Jes 58,5–10). Dort werden lauter Werke der Barmherzigkeit gezeigt. Jeder muß sich also überlegen, wo er fasten sollte. Mit welchen Sinnen soll ich fasten? Mit welchen Sinnen werde ich am meisten von Gott weggetrieben? Mit den Augen, mit den Ohren oder dem Gaumen? Da beginnt das wahre Fasten. Wenn ich überall herumglotze und alles gesehen und gehört haben muß, aber dann am Freitag einmal irgendetwas nicht esse, was bringt dieses Fasten? Ich muß zuerst einmal mit jenen Sinnen fasten, die mich am meisten von Gott wegbringen.
Der Sinn des Fastens ist, mich dort vom Irdischen zu entfernen, wo es mich wegzieht vom Himmlischen – ganz bewußt! Damit ist nichts gegen das Fasten bei Wasser und Brot gesagt, aber wichtig ist, daß das Fasten wirklich wegführt von dem, was mich zu Gott hindert, damit ich für ihn frei werde. Fasten, sich hineingeben in Gott, daraus erwächst wahres Gebet, Befreiung, Freude.
P. Hans Buob

19. Oktober 2013

Nichts hassen Schwache mehr als noch Schwächere

Der Bischof ist ein Skandal, weil er in seiner Einsamkeit von jener Stärke berichtet, die einem ein fester Glaube geben kann. Wie Papst Benedikt ist dieser Kirchenmann ein radikales Individuum, das seine Gemeinschaft eher im Klerus der Vergangenheit und der Tradition findet als in den Konsensmeuten der Gegenwart.

Der Bischof hat jenes Look-and-feel besudelt, mit dem der neue Papst den vermeintlich antiquierten Sound des Traditionsontologen Ratzinger ersetzen wollte. Die hymnischen Texte über den bescheidenen Franziskus sagen vor allem eines: Endlich werden die katholische Kirche und der Papst so wie wir. Endlich ist diese Differenz zum Stellvertreter Christi auf Erden einkassiert.
Es ist der Triumph einer Moral und Logik, die am Ende nur sich selbst versteht und mag. Es ist der Sieg einer Tugend, die ohne transzendentalen Halt sich selbst vergöttert. Es ist ein schaler, seltsam trostloser Triumph.

QUELLE

7. Oktober 2013

Ich komme zu spät zur Messe

Hast du die Fähigkeit, das Wort Gottes in der Geschichte aller Tage zu finden, oder sind es deine Ideen, die dich tragen, und lässt du es nicht zu, dass die Überraschung des Herrn zu dir spricht?“

QUELLE

28. September 2013

Metaphysische Angst - Sartre


Stellen Sie sich vor, daß der angsterfüllte Mensch Sartres mitten in einem Anfall von metaphysischer Angst ein Klopfen an seiner Tür hört. Er öffnet, es ist der Stromableser, der kassieren will. Wenn er bezahlen kann, gut. Dann kann er mit seiner Angst fortfahren. Aber wenn er nicht bezahlen kann, geht seine metaphysische Angst zum Teufel und eine ganz andere überfällt ihn.

Vázquez Montalbán


15. September 2013

Raus zum Gebet


Manchmal klopft eine arme Seele an seine Tür, um ihm zu sagen, dass er sie nicht retten kann. Dass sein Glaube falsch, seine Hoffnung irre und sein Gott machtlos ist. Die arme Seele flucht, wütet, wünscht die Welt zum Teufel.
Wie rettet man eine Seele? Bruder Agustino, dessen Welt die Bronx und dessen Mission die Rettung der Hoffnungslosen ist, hat immer den richtigen Bibelvers parat, wenn es gilt, ein paar Hundert Jugendliche aus der gefürchtetsten Nachbarschaft New Yorks für Gott zu begeistern. Aber manchmal fehlen auch ihm die Worte. An jenem Abend zum Beispiel, als draußen vor der kleinen Backsteinkirche ein zorniger Mann steht und ankündigt, er werde seine Familie erschießen. Die Frau, die Tochter, die Schwester, den Vater, die Mutter, einfach alle. Okay, ausgenommen seinen Sohn. Aber sonst alle. Auch sich selbst.
Aus dem Mann spricht kalter Entschluss. Übermorgen bekomme er Geld, dann kaufe er eine Waffe und: Wumm! Wütend fügt er noch hinzu: "Es gibt nichts, was du dagegen tun kannst!"
Bruder Agustino glaubt das sofort. Deshalb schweigt er, steht einfach da in seiner grauen Kutte, am Gürtel das Kreuz, barfuß in Sandalen. Eine Vision aus einem versunkenen Jahrhundert. Als Ordensmitglied ist Agustino Torres damals noch neu in St. Crispin, dem Brüderhaus neben der kleinen Kirche, 420 East 156th Street. Aber er kennt die verzweifelte Gewalt, weil er sie als Jugendlicher zu Hause in Texas und drüben in Mexiko oft gesehen hat. Dagegen kommt man mit den Zehn Geboten nicht an. Also schweigt er. Obwohl er doch in die Bronx gekommen ist, um die Ärmsten nicht nur zu speisen, sondern zu trösten. Das ist der franziskanische Auftrag, seit 800 Jahren.
Bruder Agustino wagt an jenem Abend nur, den Mörder in spe zu fragen: Warum? Und hört ihm zu, denn solange der andere redet, wird er nicht töten. Spätnachts schließlich bietet Agustino dem Mann an, er möge morgen wiederkommen. Kein Vorwurf, keine Bekehrung. Es soll gelassen klingen. Doch kaum ist der Unglücksmensch weg, hämmert der Franziskaner selber an Türen, um seine Brüder zu wecken: Raus zum Gebet! 
Hier gehts zum ganzen Artikel  Quelle: Die Zeit


Vepres a la Vierge en Chine - Magnificat

Bononcini: Stabat Mater

14. September 2013

Gott verbirgt das Glück im Leid


„Hier im Westen erlebe ich eine große Leidensscheu bei den Christen. Sie schämen sich sogar zu sagen, daß sie leiden oder Not haben. Aber wie sollen diese Christen die Tiefen und damit den Reichtum des Lebens überhaupt einmal erfassen können? Sie schämen sich, anstatt das Leben zu nehmen, wie Gott es gibt – sogar die Christen! Man hat noch nicht entdeckt, wie das Leiden den Menschen bereichert, verinnerlicht, wie es den Menschen menschlich macht. Aber es ist nicht nur Scham, es ist auch Unwille. Es ist eine Glücksphilosophie; der Mensch meint, er habe ein Recht auf Glück, und er weiß gar nicht, was er sich damit selber für ein Leid antut, denn dieser Rechtsanspruch auf Glück zerreißt ihn. Er ist wie ein auf die falsche Bank ausgeschriebener Scheck.

Es ist vielleicht gut, daß man das Glück sucht. Denn eigentlich sollten die Christen wirklich die glücklichsten Menschen sein. Aber wie man und wo man es sucht – darauf kommt es an. Die meisten mischen da von jedem etwas zusammen: Ein bißchen – nicht zu wenig! – Geld, etwas Fernsehen, etwas Reisen, etwas Kultur, etwas Wissenschaft, von allem etwas. Das Haben wird ganz groß geschrieben. Und so sucht man das Glück an der falschen Stelle. Man versteht nie, daß Glück mit dem Kreuz verbunden ist.

Gott verbirgt das Glück im bestehenden Leid, denn wer Leid annimmt, erlebt darin auch eine besondere Nähe zu Gott, die jedes andere Glück übersteigt.

Diese Erfahrung habe ich gemacht. Sie war leichter in Rußland zu machen, als das KGB mich verhaftete. Ich wußte, daß sie mich eines Tages verhaften würden. Aber dann kamen sie doch unerwartet, und eine ganze Welt tat sich mir auf, eine dämonische Welt, in der man schon siebzig Jahre alles Lebendige tötet, wo die Spezialisten des Mordens sind. Als man mir sagte: ‚Wir werden Sie in eine psychiatrische Klinik schicken‘, und ich hörte, wie man anrief und das Auto anforderte, da habe ich mir vorgestellt, daß mein Leben – nicht nur mein psychisches, sondern mein psychisches und geistiges Leben – wirklich an der Grenze zum Tode angelangt war. Nun war das Leiden da. Ich befand mich in einer Sackgasse. Das war unbeschreiblich schwer zu ertragen. Und dann habe ich gesagt: ‚Gott, wenn du willst, dann nimm sogar diese letzte Möglichkeit zu leben von mir.‘ Und ich kann sagen, daß mich augenblicklich eine ganz andere, eine neue Energie erfüllte, eine solche Ausstrahlung wirklichen Glücks, daß ich mich zu nichts mehr durchringen mußte – ich habe mich einfach geändert. Ich war ein anderer Mensch dort in jenem Zimmer, ein ganz anderer Mensch. Das war eine solche Gnade, wie ich sie niemals vorher erlebt hatte.

Man kann nur wünschen, daß alle Menschen das erleben. Ich glaube, es ist nicht das Leid – man könnte so viel leiden! Es ist einfach die Bereitschaft, das Leid anzunehmen, jenes Leid, das Gott einem in der jeweiligen Stunde zugedacht hat als Gnade. Man soll das Leid nicht suchen. Aber man soll es aufnehmen als Gnade, die einem von Gott geschenkt wird.“


12. September 2013

Endlich ein mutiger Bischof

Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer über die Verschwendungsvorwürfe gegen den Limburger Bischof: „Ich kenne ihn persönlich und ich halte ihn für einen anspruchslosen Mann“ - Medienhype um das angeblichen Luxuspalais ein "Riesenzirkus"

Mediale Christenverfolgung

Jeder brillante Kopf ist charismatisch und asketisch. Das sind die einzigen Eigenschaften, die nicht säkularisiert werden können, und deshalb reagiert der Mainstream allergisch darauf.
Norbert Bolz

11. September 2013

Maria - Mutter aller Völker




HERR JESUS CHRISTUS,
SOHN DES VATERS,
SENDE JETZT DEINEN GEIST
ÜBER DIE ERDE.
LASS DEN HEILIGEN GEIST WOHNEN
IN DEN HERZEN ALLER VÖLKER,
DAMIT SIE BEWAHRT BLEIBEN MÖGEN
VOR VERFALL, UNHEIL UND KRIEG.
MÖGE DIE FRAU ALLER VÖLKER,
DIE SELIGE JUNGFRAU MARIA,
UNSERE FÜRSPRECHERIN SEIN.
AMEN.

10. September 2013

Ich - eine Illusion


– Was ist das Ich?
– Eine Illusion.
– Von wem?
– Von meinem Gehirn.
– Woher wissen Sie das?
– Niemand weiß. Unser Gehirn suggeriert.
– Also findet dieser Dialog zwischen zwei Gehirnen statt, die uns ein fragendes und ein antwortendes
    Ich suggerieren?
– So könnte man formulieren.
– Mögen Sie ein Glas Wein?
– Gern.
– So lassen Sie unsere Gehirne trinken auf die Illusion des Ich!

9. September 2013

one of us - Endspurt





Deutschland

Erforderlich: 75.000 Unterschriften
Bis jetzt erreicht: 73.747
Quote: 99,32 Prozent

EU-weit

Erforderlich: mindestens 1.000.000 Unterschriften
Bis jetzt erreicht: 997.207
Stand: 9. September 2013

8. September 2013

Megaphon Gottes


„Und Schmerz ist nicht nur ein unmittelbar kenntliches Übel, sondern eines, das unmöglich ignoriert werden kann. In unseren Sünden und in unserer Dummheit können wir friedlich schlafen; und wer einmal einen Vielfraß beobachtet hat, wie er die köstlichsten Speisen herunterschlingt, als wisse er gar nicht, was er da ißt, der wird zugeben, daß wir sogar das Vergnügen ignorieren können. Der Schmerz aber besteht darauf, daß man sich mit ihm befasse. Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen; in unseren Schmerzen aber ruft er laut. Sie sind sein Megaphon, eine taube Welt aufzuwecken.“  C.S. Lewis

7. September 2013

Gesetz der Liebe


„Es ist fast ein Gesetz, daß man, wenn man liebt, leidet und das Leiden nur erträglich ist in der Liebe.“
Tatiana Goritschewa

1. September 2013

Staubkörnchen an Jesu Fußsohlen

... je armseliger ich bin, mein Jesus, desto größer, zarter und ergreifender wird mir Deine Liebe. Und dann bin ich wohl damit zufrieden, ganz klein, und geringer als ein Nichts zu Deinen Füßen zu liegen. Wie eines der kleinen Staubkörnchen möchte ich da sein, die sich auf den Straßen Judäas an die Sohle Deiner göttlichen Füße hefteten! Ich bitte Dich, anbetungswürdiger Meister, dulde mich, wie Du sie duldetest! Halte mich immer so verborgen, von keinem gekannt, aber ganz nahe bei Dir.

Lucie Christine

31. August 2013

Leben in Freiheit


Wer – wie ... Jean Paul Sartre – konsequent leugnet, daß der Mensch creatura sei und daß es also überhaupt so etwas gebe wie eine aller eigenen Entscheidung vorausliegende menschliche Natur, der handelt sich dafür eine Bindungslosigkeit ein, welcher zwar, wenngleich natürlich nur vermeintlicherweise, das ganze Feld der Windrose von dreihundertsechzig Grad frei verfügbar ist, die aber zugleich gänzliche Orientierungslosigkeit ist – weil sich dem Menschen folgerichtig »keine Möglichkeit (zeigt), sich auf etwas zu stützen, weder auf etwas in sich selbst noch außerhalb seiner selbst«: »es gibt keine Zeichen in der Welt«.Es ist dies genau jene berühmte Art von Freiheit, zu der man nicht berufen, sondern »verurteilt« wird und die schon fast identisch ist mit der Verzweiflung. (»Dies Wort hat eine äußerst einfache Bedeutung; es will sagen, daß wir uns darauf beschränken, uns auf das zu verlassen, was von unserem Wollen abhängt.«) All dies ist, wiederum, ein ziemlich exaktes »Negativ« der Wahrheit, das nur der Übertragung in sein Gegenbild bedarf, damit für ein unvoreingenommen über die Tiefe menschlicher Existenz reflektierendes Denken deutlich wird, daß ein gegen Verzweiflung wie Orientierungslosigkeit gleichermaßen gefeites Leben in Freiheit nur dann möglich ist, wenn der Mensch die Vorgegebenheit der eigenen Natur, das heißt seine Kreatürlichkeit mit allen Konsequenzen, annimmt und bejaht. 

Josef Pieper: Kreatürlichkeit

28. August 2013

Aus Gott geboren

Diese also "sind nicht aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren". Damit aber die Menschen aus Gott geboren würden, ist zuerst Gott aus ihnen geboren, denn Christus ist Gott, und Christus ist aus dem Menschen geboren. Er begehrte wenigstens eine Mutter auf Erden, weil er einen Vater bereits im Himmel hatte; geboren aus Gott ist der, durch den wir geschaffen werden sollten; geboren aus dem Weibe ist der, durch den wir neugeschaffen werden sollten. Wundere dich also nicht, o Mensch, daß du ein Kind [Gottes] wirst durch die Gnade, daß du aus Gott geboren wirst nach seinem Worte. Zuerst wollte das Wort selbst vom Menschen geboren werden, damit du sicher aus Gott geboren würdest und dir sagtest: Nicht ohne Grund wollte Gott vom Menschen geboren werden, und zwar aus keinem anderen als weil er mich einigermaßen für wert hielt, mich unsterblich zu machen und für mich sterblich geboren zu werden. Darum hat er, gleichsam damit wir uns nicht wunderten und entsetzten ob einer so großen Gnade, so daß es uns unglaublich erschiene, daß Menschen aus Gott geboren sind, den Worten: "sie sind aus Gott geboren", gewissermaßen dich sicher machend, noch beigefügt: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt". Was wunderst du dich also, daß Menschen aus Gott geboren werden? Schau hin auf den von Menschen geborenen Gott: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt". 

24. August 2013

Nicht gnostisch, nicht pelagianisch, sondern evangelistisch

In seiner Rede ging der Papst ... über die vorliegende schriftliche Fassung hinaus und nannte einige konkrete Beispiele, was er mit neuem Gnostizismus meint. Zu den lateinamerikanischen Bischöfen sagte Franziskus, daß er jene meint, die ihm nach der Wahl zum Papst begeistert gratulierten, um gleichzeitig sofort Forderungen an ihn zu richten:
„daß die Priester heiraten dürfen, daß Ordensschwestern zu Priestern geweiht werden und daß auch die wiederverheiratet Geschiedenen zum Kommunionempfang zugelassen sind“,
denn nur so sei die Kirche „modern“ und auf der Höhe der Zeit. Auf der Videoaufzeichnung der Rede ist nach der zweiten Forderung ein erheitertes Lachen der Bischöfe zu hören.

Die drei konkret vom Papst genannten Themen gehören zum zentralen Forderungskatalog progressiver Kirchenkreise, vor allem randständiger Gruppen mit schismatischem und häretischem Einschlag wie Wir sind Kirche oder die Pfarrer-Initiativen. Die Zurückweisung dieser Forderungen durch den Papst sind für die aktuelle Diskussion in der Kirche von nicht unerheblicher Bedeutung. Deshalb erstaunt die Unterschlagung dieser Passage in den offiziellen Fassungen der Rede. Es erstaunt umsomehr, weil Papst Franziskus zumindest einem Punkt, der Frauenordination, auch bei der improvisierten Pressekonferenz auf dem Rückflug nach Rom eine eindeutige Absage erteilte.

23. August 2013

Heroische Tugend


Von der fortitudo purgatoria, die für den Christen also im allgemeinen die höchste erreichbare Stufe der Tapferkeit bezeichnet, sagt Thomas: sie gebe der Seele die Kraft, nicht erschreckt zu werden durch den Eintritt in die höhere Welt (»propter accessum ad superna«). Das ist eine auf den ersten Blick sehr sonderbare Aussage. Sie wird aber verständlicher, wenn man bedenkt, daß nach der übereinstimmenden Erfahrung aller großen Mystiker am Anfang und wiederum vor der letzten Vollendung des mystischen Lebens die Seele wie in eine »dunkle Nacht« der Sinne und des Geistes ausgesetzt wird, in der sie sich wie ein Ertrinkender auf hoher See verlassen und verloren glauben muß. Johannes vom Kreuz, der doctor mysticus, sagt, in dem »dunklen Feuer« dieser Nacht, die ein wahrhaftes purgatorio sei und deren Qual jede selbstauferlegte Bußübung, die etwa ein Asket sich ausdenken möge, unsagbar übersteige, reinige Gott mit unerbittlich heilender Hand die Sinne und den Geist von den Schlacken der Sünde.

Der Christ, der in dieses Dunkel hineinzuspringen wagt und sich mit diesem Sprunge aus seiner eigenen, auf Sicherheit bedachten Hand entläßt und »losläßt« in die absolute Verfügung Gottes hinein, verwirklicht also in einem ganz strengen Sinn das Wesen der Tapferkeit; er geht um der Vollendung der Liebe willen auf das Furchtbare zu; er fürchtet sich nicht, um des Lebens willen sein Leben zu verlieren; er ist bereit, getötet zu werden vom Anblick des Herrn (»Kein Mensch schaut mich und bleibt am Leben.« Ex 33, 20).

Von hier aus wird erst der eigentliche Sinn der Ausdrucksweise »heroische Tugend« sichtbar: das Fundament dieser Stufe des inneren Lebens, deren Wesen die Entfaltung der Gaben des Heiligen Geistes ist, ist wirklich die Tapferkeit, die in einem besonderen Sinne und erstlich und namengebend »heroische« Tugend, und zwar die gnadenhaft überhöhte Tapferkeit des mystischen Lebens. Die große Meisterin christlicher Mystik, Teresa von Avila, sagt, zu den ersten Bedingungen der Vollkommenheit gehöre vor allem: Tapferkeit. In ihrer Selbstbiographie steht der sehr bestimmt formulierte Satz: »Ich behaupte, ein unvollkommener Mensch habe dazu, den Weg der Vollkommenheit zu gehen, mehr Tapferkeit nötig als dazu, plötzlich Märtyrer zu werden.«

Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit, S. 131f.

20. Juli 2013

Ehe und Talente

,,Selbstverwirklichung“ ist immer dann ein fatales Wort, wenn damit der Andere als Konkurrent und als Beschränkung der eigenen Freiheit aufgefasst wird. In Wirklichkeit kommt der Mensch in dem Maß zur Verwirklichung seiner selbst, in dem er sich gibt. „Wer sich selbst retten will, verliert sich; wer sich verliert ..., der rettet sich“ heißt daher ein zentrales und urmenschliches Wort Jesu (Mk 9,35). Nur am Du und durch das Du kann ich zu mir selber kommen, aber nicht, indem ich die Läden herunterlasse und möglichst nichts von meinem Leben preisgeben will. Es ist wie mit dem Gleichnis von den Talenten: Durch Ausgeben wachsen sie; der, der sie vergrub, hatte seine Möglichkeit vertan (vgl. Mk 25,14–30). Deswegen ist die Hingabe an einen Menschen, die Treue zu ihm, nicht Gegensatz zur Freiheit, sondern erst ihr wirklicher Anfang. Die höchste Möglichkeit der Freiheit ist die Fähigkeit, sich zu entscheiden, die Fähigkeit zum Endgültigen. Wer in seinem Leben das Endgültige nicht wagt, lässt seine Freiheit als totes Kapital liegen und versäumt die Möglichkeit zu reifen, die nur aus der Kraft des Endgültigen kommt. Nur Liebe, die sich dem anderen ganz gibt – ,,bis dass der Tod euch scheidet“ – und dies durchsteht, ist dem inneren Anspruch der Liebe und damit des Menschseins gemäß. 

Kardinal Ratzinger, 1980 

29. Juni 2013

Demokratie

Demokratie ... ist wie das Leben selbst: 
die Korruption der einen dividiert durch die Korruption der anderen!

Franz Werfel

20. Juni 2013

CREDO

 Credo“: „Es ist katholisch und ökumenisch, es ist klug, aber nicht verbissen, es ist geistvoll und ohne alle Anbiederung“. 

Hier gehts zum Heft.

17. Juni 2013

Luther - Mythen


Das beste nichttheologische Luther-Buch weit und breit, jubelte die „Süddeutsche Zeitung“. Es zeige einen Luther zwischen Gott und Teufel, der uns herzlich fremd sei, meinte der Rezensent der „Frankfurter Rundschau“. Die Biografie zerstöre nicht nur so manchen Mythos um den Reformator, sondern präsentiere ihn uns auch als großen Wittenberger Netzwerker, hieß es in „Die Zeit“. Auch Spiegel-Redakteur Matthias Matussek hat sich mit dem Luther-Buch des protestantischen Historikers Heinz Schilling befasst, das im vergangenen Jahr für so viel Aufsehen sorgte. Im Folgenden stellt er Kernaussagen der Biografie dar – allerdings mit Blick auf ein noch kommendes und ein zurückliegendes Ereignis: Das Fünfhundert-Jahr-Jubiläum der Reformation 2017 – und den Rücktritt des deutschen Papstes.

14. Juni 2013

Die böse Macht oder die Abschaffung des Menschen

Auf  kath.net gibt es einen sehr lesenswerten Artikel, in welchem Stefan Ahrens die Lektüre des Buches "Die Abschaffung des Menschen" von C.S. Lewis empfiehlt.



Als Ergänzung möchte ich auf die Perelandra-Trilogie aufmerksam machen, in der Lewis dasselbe Thema auf unterhaltsame Weise behandelt. Dies vor allem im letzten Band: Die böse Macht. 
Die bessere Übersetzung scheinen mir die ältere, bei Hegner und Herder herausgegebene, zu sein. Es lohnt sich also im Antiquariat zu stöbern.

2. Juni 2013

Herz Jesu, Quelle alles Guten

Heiligstes Herz Jesu, Quelle alles Guten, ich bete Dich an, ich glaube an Dich, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich und bereue alle meine Sünden. Dir schenke ich dieses mein armes Herz, mache es demütig, geduldig, rein und allen Deinen Wünschen entsprechend. Gib, o guter Jesus, daß ich in Dir und Du in mir lebst. Beschütze mich in Gefahren, tröste mich in Trübsal und Betrübnissen. Gewähre mir die Gesundheit meines Leibes, Deinen Segen für alle meine Werke und die Gnade eines heiligen Todes. Amen. 

(Benedikt XV., Breve 4.12.1915)

26. Mai 2013

Gegenwart Gottes im Geschöpf

Alle Geschöpfe, vom Engel bis zum Atom, sind von Gott verschieden; in einer unvergleichlichen Verschiedenheit: inkommensurabel. Nicht einmal das Wort "sein" kann auf Ihn wie auf sie im gleichen Sinn angewendet werden. Auch ist kein Geschöpf auf die gleiche Weise von Ihm verschieden, wie es von allen übrigen verschieden ist. Er ist in ihm, wie Geschöpfe niemals ineinander sein können: in jedem Einzelnen von ihnen als Grund, Wurzel und ständige Quelle seiner Wirklichkeit. Und in guten vernunftbegabten Geschöpfen zudem als Licht, in schlechten als Feuer, anfänglich als schwelendes Unbehagen, später als die lodernde Angst vor einer unwillkommenen und vergeblich abgewehrten Gegenwart.

Daher läßt sich von jedem Geschöpf sagen: " Dies auch bist Du, und doch ist dies nicht Du".

Schlichter Glaube sieht das erstaunlich leicht ein. Auf dem Kontinent habe ich mich einmal mit einem Pastor unterhalten, der Hitler gesehen hatte und nach menschlichem Ermessen guten Grund hatte, ihn zu hassen. "Wie sieht er aus?" fragte ich ihn. "Wie alle Menschen", antwortete er, "das heißt, wie Christus."

24. Mai 2013

Erotische Erschütterung

Dies gilt auch für das im Folgenden über die Seele Gesagte, zum Beispiel, daß sie wie mit Fittichen begabt den ganzen Kosmos durchwalte. Kurt Hildebrandt hat mit Recht angemerkt, daß Platon hier auf die Weltvorstellung der vorsokratischen Philosophie zurückgreife – womit, so scheint es vielleicht, das Ganze noch weiter von uns weggerückt wird, in eine Gedanklichkeit, die mitzuvollziehen uns einfach nicht mehr zugemutet werden kann. Was etwa soll uns schließlich das Fragment des Milesiers Anaximenes angehen: »Wie die Seele, welche Luft ist, uns durchwaltet, so auch durchwaltet Atem und Luft den ganzen Kosmos«? Ja, wenn hier von der Luft als einer meteorologischen Erscheinung der Atmosphäre die Rede wäre, dann ginge es uns wirklich nichts an. Aber ich werde mir niemals einreden lassen, daß in diesem alten Text nicht zugleich, vielleicht sogar zunächst, etwas gemeint sei, das dem gleichfalls alten Text vom Geisthauch, der den Erdkreis erfüllt, benachbart ist: Spiritus Domini replevit orbem terrarum (Weish 1,7). – Dies aber, daß die Wohnung von Geist die Gesamtwirklichkeit sei, ist seit eh und je nicht allein dem göttlichen Geiste zugesprochen worden; wir bringen es gar nicht fertig, auch den endlichen »Geist« anders zu verstehen und zu beschreiben denn als ein Wesen, zu dessen Natur es gehört, im Angesicht der Gesamtwirklichkeit zu existieren. Geist haben besagt eben dies: es zu tun haben mit allem, was es gibt; »den ganzen Kosmos durchwohnen«.

Wer aber dies nicht bedenkt, so sagt Sokrates im Phaidros, der versteht nichts von dem, was in der erotischen Erschütterung wahrhaft geschieht. Solange man nicht begriffen und »realisiert« hat, daß der freilich ganz und gar hiesige, leibhaftige Liebende es ist, der durch die Begegnung mit Schönheit erschüttert wird, durch die Begegnung also mit etwas wiederum Hiesigem, Leibhaftigem, Sinnfälligem; solange man nicht zugleich bedenkt und vor Augen hat, daß dieser solchermaßen Erschütterte in dem, was er ist, schlechthin hinausragt über die Dimension des Hier und Jetzt, ungeworden und unvergänglich, mit nichts Geringerem endgültig zu stillen als mit dem Ganzen, dem Totum an Sein, Wahrheit, Gutheit, Schönheit – so lange ist man einfachhin außerstande, wahrzunehmen, was eigentlich »Eros« ist; solange hat man schlechterdings keinerlei Aussicht, der erotischen Erschütterung auch nur auf die Spur, geschweige denn auf den Grund zu kommen. – Vielleicht könnte einer sagen, dies sei eine »typisch platonische« Idealisierung. Aber es ist nichts anderes als eine völlig realistische Beschreibung dessen, was Geist wirklich ist.

Josef Pieper: Begeisterung und göttlicher Wahnsinn S. 309s

23. Mai 2013

Francesco, der erfahrene Koch

„Das Salz hat Sinn, wenn man es hinzufügt, um den Dingen Geschmack zu verleihen. Ich denke auch, dass das in einem Fläschchen verwahrte Salz durch die Feuchtigkeit seine Kraft verliert und zu nichts nützt. Das Salz, das wir empfangen haben, dient dazu, hergegeben zu werden, es ist dazu da, um den Dingen Geschmack zu verleihen, um es anzubieten. Anders wird es schal und nützt zu nichts. Wir müssen den Herrn bitten, nicht Christen mit schalem Salz zu werden, mit einem Salz, das in einem Fläschchen verschlossen ist.

Doch das Salz hat noch eine weitere Besonderheit: wenn man das Salz gut nützt, so schmeckt man es nicht... Man schmeckt es nicht! Man schmeckt den Geschmack eines jeden Gerichts: das Salz hilft, dass der Geschmack jenes Gerichts besser ist, dass es schmackhafter wird. Darin besteht die christliche Originalität“.

Wenn wir mit diesem Salz den Glauben verkünden, so „empfangen ihn die Adressaten der Verkündigung entsprechend ihrer Besonderheit, wie dies bei den Gerichten der Fall ist. Und so empfängt ein jeder das Salz seiner Besonderheit entsprechend und wird besser“.


Papst Franziskus

19. Mai 2013

Leben des Geistes (2)

Noch einmal, wann berühren wir die Welt im Ganzen? Antwort: Zum Beispiel, wenn wir die Zeichen bedenken, die uns in der Dichtung, in der Musik und in allen bildenden Künsten vor die Augen gebracht werden. Auch die Besinnung des Philosophierenden meint das Insgesamt der Welt. Vor allem aber ist die religiöse Kontemplation zu nennen, das betrachtende Sich-versenken in die Mysterien der Rede Gottes. – Dies also seien, so lautet die Auskunft, Gestalten wahrhaft geistigen Lebens – weil nur auf solche Weise das Auge der Seele sich öffne zu der äußersten ihm möglichen Empfänglichkeit, welche allein dem Ganzen der Wirklichkeit zu antworten vermag.
Es ist freilich durchaus von einem Empfangen die Rede, von Vernehmen und Schweigen und Sich-widerfahren-lassen und demnach von etwas, das nicht so völlig in unsere Verfügung gegeben ist, wie die männlichere Aktivität des weltforschenden Verstandes. Und so besagen die Namen, mit denen die Menschensprache sich das Wesen von Geist deutlich zu machen sucht, Hauch, Atem, Sturm, Quell und Flamme – alle sagen vornehmlich dies: Geist fügt sich keiner eigenmenschlich planenden Direktive; er entzieht sich der willkürlichen Verfügung; er weht, wo er will.
Natürlich meint all das nicht schon den »Geist«, den wir an Pfingsten feiern – aber immerhin ein Abbild davon. Und wie sonst könnte unser Verständnis sich dem »Heiligen Geiste« nähern, wenn nicht von seinen uns zugänglicheren Bildern her, auf dem übrigens seit je beschrittenen Wege also? Ich werde mir niemals einreden lassen, jene sehr frühe Stimme des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts, die sagt: wie der Lebenshauch in unserem Leibe das Herrschende und Erste sei, so auch werde die Welt im Großen von Hauch und Atem, vom »Pneûma«, durchwaltet – niemals werde ich die gängige These der Handbücher akzeptieren, jene Stimme meine das meteorologische Faktum von Luft und Atmosphäre, und nicht auch, in irgendeinem Sinn, den »Geist des Herrn, welcher den Erdkreis erfüllt«.
Von ihm freilich wissen die heiligen Bücher der Christenheit eine weit tiefere Auskunft zu geben: er sei nicht ein waltendes Etwas, sondern ein Jemand, personaler Geist; nicht bloßes Wehen und Wogen, sondern »Liebe« – wiederum ein Name, der eine nicht-verfügbare Gewalt bezeichnet! Und auch das wird uns gesagt: des Menschen eigener Geist vermöge sich des Ganzen der Welt nicht inniger zu versichern, als wenn er sich von dieser göttlichen Dynamis durchströmen lasse. Was nichts anderes bedeutet, als daß »Spiritualität« die äußerste Verwirklichung geistigen Lebens sei.
Wie also ist das »Fest des Geistes« zu feiern? – Auf diese Frage können, was hier nicht gut ungesagt bleiben kann, zwei Antworten gegeben werden, eine esoterische und eine exoterische. Und auch das Folgende will ausgesprochen sein: daß dies nicht der Ort ist für die esoterische Antwort, das heißt, für die im vollen Sinn christliche Antwort. Alles bisher Gesagte führt nicht weiter als bis an ihre Schwelle.
Die anfangs genannte Verlegenheit aber, die jeden von uns immer wieder einmal betroffen macht, birgt, wenn wir ihr nur nicht in eine vorschnelle Beruhigung ausweichen, eine Hoffnung in sich. Wer nämlich will sagen, wie fern oder auch wie nahe der wortlose Schmerzenslaut, in dem unsere Ratlosigkeit sich ausdrückt, jenen »unaussagbaren Seufzern« sein mag, von denen es in der Schrift heißt, sie seien das Wirken des Geistes selbst?

J. Pieper: Eine Pfingstbetrachtung (1955)

18. Mai 2013

Anspruch der Liebe: Kontrapunktisch (aktualisierter Link)

Hier gehts zum Text

Leben des Geistes (1)


Immer wenn eines der großen überlieferten Feste des Jahres zu feiern ist, beschleicht uns, eingestanden oder nicht, eine gewisse Verlegenheit. Zwar sind wir zugleich versucht, uns von einem sonoren und wohlgelaunten Allerweltsoptimismus einreden zu lassen, das habe nichts weiter zu bedeuten. Dennoch bleibt ein nicht zu beschwichtigender Rest. Und es wäre in der Tat nicht gut, sich völlig beschwichtigen zu lassen und den Sachverhalt einfach zu ignorieren oder leichten Herzens über ihn hinwegzugehen.

Wer aber hier Widerstand zu leisten versucht; wer also darangeht, diese Verlegenheit ins Auge zu fassen, über sie ins reine zu kommen und sie beim Namen zu nennen, dem zeigt es sich bald, daß von zwei Dingen geredet werden müßte, die zwar miteinander zu tun haben, aber nicht identisch sind.

Erstens steht zur Rede, daß uns die unmittelbar praktische Kenntnis davon, wie überhaupt ein Fest zu feiern sei, zu entgleiten scheint. Sobald die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt herbeizuschaffen, uns nicht mehr in Pflicht nimmt, wissen wir nicht, was tun: dies sei schlichthin »die Wahrheit« – so steht es zu lesen in den Tagebüchern von André Gide. Er notiert das keineswegs klagend oder anklagend, sondern mit gelassener Aufrichtigkeit, als kühler Diagnostiker. Und wer vermöchte zu leugnen, daß seine Kennzeichnung die durchschnittliche Realität genau trifft – wie jedermann sie immer wieder einmal an sich selbst erfährt, wenn er, zum Beispiel, am Morgen eines Festtages erwacht.

Nehmen wir an, dieser Jedermann habe keinen Schlaf nachzuholen, und es gebe auch keine liegengebliebene Korrespondenz. Nein, das Einzige, das »zu tun« wäre, sei eben die Begehung des Festes, dies allein, aber gerade dies. Setzen wir ferner voraus, der Mann sei einsichtig und unbestechlich genug, sich einige ansonsten nicht ganz unübliche Ausflüchte zu verbieten; er hat sich also etwa mit sich selbst darüber verständigt, den Umtrunk, den Schmaus und die Ausfahrt ins Grüne nicht schon für ein zulängliches und eigentliches Begängnis des Festes zu halten, für ein willkommenes Beiwerk vielleicht, für ein sinnvolles Ornament, ja – aber nicht für die Sache selbst. – Was aber ist die Sache selbst? Was heißt es, einen Feiertag festlich begehen? Wie macht man das?

Jene Verlegenheit aber betrifft nicht allein das Wie von Feiern überhaupt. Vielmehr entspringt sie – zweitens – auch daraus, daß ein lebendiges Wissen vom inhaltlichen Sinn unserer großen Festtage weithin nicht mehr vorhanden ist. Was eigentlich wird gefeiert – an Weihnachten, an Ostern? Es ist letzthin durch einige Enquêten beunruhigend genug an den Tag gebracht worden, wie ratlos die durchschnittlichen Antworten sind – und welche zum mindesten absonderliche und sinistre Sache sich also zuträgt, wenn die Festtage dennoch »gehalten« werden.

Und nun gar: was wird an Pfingsten gefeiert, am »Fest des Geistes«? – Wenn wir genauer zu sagen versuchen, was eigentlich »Geist« sei, so pflegen wir zunächst den Gedanken an seine Unstofflichkeit, an das Körperlose und Nicht-Materielle zur Hand zu haben. Wohingegen die Alten den Geist vor allem verstanden haben als die Kraft, in Berührung zu kommen mit dem Insgesamt der Welt. Hierdurch, so sagen sie, sei ein geistiges Wesen ausgezeichnet: daß sein Lebensraum die Wirklichkeit im Ganzen sei. Leben des Geistes besagt demnach soviel wie: angesichts der Welt im Ganzen existieren, vis-à-vis de l’univers. Geistiges Leben im uneingeschränkten Wortverstand geschieht, heißt das, einzig da, wo das Ganze der Wirklichkeit zu Gesicht kommt – nicht die gesamte Vielfalt des Einzelnen, sondern der Sinnzusammenhang, der »inbildliche Grund« von allem, was ist.

Wann aber gerät es uns, solchermaßen das Ganze zu berühren? Nicht schon jedenfalls, wenn wir fixierenden Blickes die Verwirklichung von Zwecken betreiben, etwa die »Herbeischaffung des Lebensunterhalts« im weitesten Sinn dieses Wortes. So viel Intelligenz, Erfindungsgabe, Disziplin und Ernst hierzu natürlich vonnöten ist – keiner der großen Zeugen der abendländischen Überlieferung, nicht Platon, nicht Aristoteles, nicht Augustin, nicht Thomas würde dies schon »geistiges Leben« genannt haben (was beileibe nicht bedeutet, daß sie der Leistung des technischen Menschen ihren Respekt, ja ihre Bewunderung versagt haben würden). Die Tagebuchnotiz von André Gide weist also nicht allein auf das Unfestliche eines ausschließlich »praktischen« Lebens hin, sondern auch auf dessen gefährliche Nähe zum Ungeist. Es zeigt sich hier, mit einem Wort, daß Fest und Geist einander auf besondere Weise zugeordnet sind.
(Fortsetzung folgt bald)

J. Pieper: Eine Pfingstbetrachtung (1955)