"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)
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1. September 2013

Staubkörnchen an Jesu Fußsohlen

... je armseliger ich bin, mein Jesus, desto größer, zarter und ergreifender wird mir Deine Liebe. Und dann bin ich wohl damit zufrieden, ganz klein, und geringer als ein Nichts zu Deinen Füßen zu liegen. Wie eines der kleinen Staubkörnchen möchte ich da sein, die sich auf den Straßen Judäas an die Sohle Deiner göttlichen Füße hefteten! Ich bitte Dich, anbetungswürdiger Meister, dulde mich, wie Du sie duldetest! Halte mich immer so verborgen, von keinem gekannt, aber ganz nahe bei Dir.

Lucie Christine

23. August 2013

Heroische Tugend


Von der fortitudo purgatoria, die für den Christen also im allgemeinen die höchste erreichbare Stufe der Tapferkeit bezeichnet, sagt Thomas: sie gebe der Seele die Kraft, nicht erschreckt zu werden durch den Eintritt in die höhere Welt (»propter accessum ad superna«). Das ist eine auf den ersten Blick sehr sonderbare Aussage. Sie wird aber verständlicher, wenn man bedenkt, daß nach der übereinstimmenden Erfahrung aller großen Mystiker am Anfang und wiederum vor der letzten Vollendung des mystischen Lebens die Seele wie in eine »dunkle Nacht« der Sinne und des Geistes ausgesetzt wird, in der sie sich wie ein Ertrinkender auf hoher See verlassen und verloren glauben muß. Johannes vom Kreuz, der doctor mysticus, sagt, in dem »dunklen Feuer« dieser Nacht, die ein wahrhaftes purgatorio sei und deren Qual jede selbstauferlegte Bußübung, die etwa ein Asket sich ausdenken möge, unsagbar übersteige, reinige Gott mit unerbittlich heilender Hand die Sinne und den Geist von den Schlacken der Sünde.

Der Christ, der in dieses Dunkel hineinzuspringen wagt und sich mit diesem Sprunge aus seiner eigenen, auf Sicherheit bedachten Hand entläßt und »losläßt« in die absolute Verfügung Gottes hinein, verwirklicht also in einem ganz strengen Sinn das Wesen der Tapferkeit; er geht um der Vollendung der Liebe willen auf das Furchtbare zu; er fürchtet sich nicht, um des Lebens willen sein Leben zu verlieren; er ist bereit, getötet zu werden vom Anblick des Herrn (»Kein Mensch schaut mich und bleibt am Leben.« Ex 33, 20).

Von hier aus wird erst der eigentliche Sinn der Ausdrucksweise »heroische Tugend« sichtbar: das Fundament dieser Stufe des inneren Lebens, deren Wesen die Entfaltung der Gaben des Heiligen Geistes ist, ist wirklich die Tapferkeit, die in einem besonderen Sinne und erstlich und namengebend »heroische« Tugend, und zwar die gnadenhaft überhöhte Tapferkeit des mystischen Lebens. Die große Meisterin christlicher Mystik, Teresa von Avila, sagt, zu den ersten Bedingungen der Vollkommenheit gehöre vor allem: Tapferkeit. In ihrer Selbstbiographie steht der sehr bestimmt formulierte Satz: »Ich behaupte, ein unvollkommener Mensch habe dazu, den Weg der Vollkommenheit zu gehen, mehr Tapferkeit nötig als dazu, plötzlich Märtyrer zu werden.«

Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit, S. 131f.

12. März 2012

Zeit zu Beten

Suche eine passende Zeit, mit dir allein zu sein, und überdenk Gottes Wohltaten immer wieder. Laß liegen, was nur die Neugier reizt, und durchforsche solche Dinge, die mehr zur Buße dienen als zur Beschäftigung. Entziehst du dich überflüssigem Reden und müßigem Herumlaufen sowie Neuigkeiten und Gerüchten, so wirst du ausreichend Zeit finden, dich den Meditationen zu widmen. Die größten Heiligen mieden die menschliche Geselligkeit, wo sie konnten, und zogen es vor, Gott in der Stille zu dienen. Jemand hat gesagt (Seneca): «Sooft ich unter Menschen war, kehrte ich als weniger Mensch zurück.» Das erfahren wir oft, wenn wir lange plaudern. Leichter ist es, überhaupt zu schweigen als beim Reden das rechte Maß zu treffen. Leichter, sich zu Hause zu verbergen als draußen auf sich achtzugeben. Wer also zum innerlichen geistlichen Leben gelangen will, muß sich mit Jesus dem großen Haufen entziehen (Joh 5,13).

Nachfolge Christi, Kap. 20

26. Dezember 2011

Die drei Geburten

Boticelli: Mystische Geburt

Am heutigen Tage gedenkt die heilige Christenheit dreier Geburten, die jeden Christen so freuen und ergöltzen müßten, daß er ganz außer sich vor Freude in Jubel und Liebe, in Dankbarkeit und innerer Wonne aufspringen sollte. Und wer solchen Drang nicht in sich empfindet, der soll sich ängstigen.

Die erste und oberste Geburt ist die, daß der himmlische Vater seinen eingeborenen Sohn in göttlicher Wesenheit, doch in Unterscheidung der person gebiert. Die zweite Geburt, deren man heute gedenkt, ist die mütteliche Fruchtbarkeit, die jungfräulicher Keuschheit in wahrhafter Lauterkeit zuteil ward. Die dritte Geburt besteht darin, daß Gott alle Tage und zu jeglicher Stunde in wahrer und geistiger Weise durch Gnade und aus Liebe in einer guten Seele geboren wird. Diese drei Geburten begeht man heute mit den drei heiligen Messen.


(Johannes Tauler: Predigt am Weihnachtstag)

14. September 2011

Gegenwart des HERRN in uns

„Man muss wissen, dass Gott insgeheim und in ihrem Wesenskern verborgen in allen Menschen wohnt, denn wenn das nicht so wäre, könnten sie nicht bestehen.“
„Doch gibt es bei diesem Wohnen einen Unterschied, und zwar einen großen, denn in manchen Menschen wohnt er allein, und in anderen wohnt er nicht allein; in manchen wohnt er gern und in anderen ungern; in manchen wohnt er wie im eigenen Zuhause, in dem er alles anordnet und lenkt, und in anderen wohnt er wie ein Außenstehender in fremdem Hause, wo man ihn nichts anordnen und nichts tun lässt“.
„Einige haben Gott in sich nur durch Gnade und andere durch Einheit mit Gott. Dieser Unterschied ist so groß wie der, den es zwischen der Verlobung und der Vermählung gibt. Denn bei der Verlobung gibt es nur ein gegenseitiges Ja und eine einzige Willensbekundung auf beiden Seiten sowie Juwelen und Brautschmuck; aber bei der Vermählung findet auch Hingabe der Personen und Einswerden statt“.