"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)
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8. Januar 2012

Neuevangelisierung und das Geheimnis des Senfkorns

Für das Reich Gottes wie für die Evangelisierung im Dienst des Reiches Gottes gilt immer das Gleichnis vom Senfkorn (vgl. Mk 4,31–32). Das Reich Gottes beginnt immer neu unter diesem
Zeichen. Neuevangelisierung kann nicht besagen wollen: Sogleich die großen von der Kirche entfremdeten Massen mit neuen raffinierteren Methoden anziehen. Nein, das ist nicht die Verheißung der Neuevangelisierung. 

Neuevangelisierung bedeutet: Sich nicht zufrieden geben mit der Tatsache, dass aus dem Senfkorn der große Baum der universalen Kirche entstanden ist; nicht denken, es genügt, dass in seinen Zweigen die verschiedensten Vögel ihren Platz finden können, sondern es von Neuem wagen mit der Demut des kleinen Senfkorns, dabei aber Gott überlassen, wenn und wie es wachsen wird (vgl. Mk 4,26–29). Die großen Dinge beginnen immer beim kleinen Senfkorn, und die Massenbewegungen sind immer nur von kurzer Dauer.

Die Neuevangelisierung (1995), in: Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften 8, hg. von Gerhard Ludwig Müller, Freiburg 2010, 1231–1242, hier: 1232 f.

DBK 5248, S.104

23. Dezember 2011

Entwicklung und Kontinuität in der Kirche

Ein Leib bleibt mit sich identisch gerade dadurch, dass er ständig im Prozess des Lebens neu wird. Für Kardinal Newman war der Gedanke der Entwicklung die eigentliche Brücke seiner Konversion zum Katholischen geworden. Ich glaube, dass er in der Tat zu den entscheidenden Grundbegriffen des Katholischen zählt, die noch lange nicht genug bedacht sind, obwohl auch hier dem Zweiten Vatikanum das Verdienst zukommt, ihn wohl zum ersten Mal in einem feierlichen Lehrdokument formuliert zu haben. Wer nämlich sich nur am Wortlaut der Schrift oder an den Formen der Väterkirche festklammern will, der verbannt Christus ins Gestern. Die Folge ist dann entweder ein ganz steriler Glaube, der dem Heute nichts zu sagen hat, oder eine Eigenmächtigkeit, die zweitausend Jahre Geschichte überspringt, sie in den Mülleimer des Missratenen wirft, und sich nun ausdenkt, wie Christentum nach der Schrift oder nach Jesus eigentlich aussehen müsste. Aber was herauskommt, kann nur ein Kunstprodukt unseres eigenen Machens sein, dem keine Beständigkeit innewohnt. Die wirkliche Identität mit dem Ursprung ist nur da, wo zugleich die lebendige Kontinuität ist, die ihn entfaltet und eben so bewahrt.

(Die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils (1985), in: Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften 8, hg. von Gerhard Ludwig Müller, Freiburg 2010, 258–282, hier: 261 f.)


DBK 5248

23. Juli 2011

Mystischer Leib Christie

Alle Glieder müssen ihm gleichgestaltet werden, bis Christus Gestalt gewinnt in ihnen (vgl. Gal4,19). Deshalb werden wir aufgenommen in die Mysterien seines Erdenlebens, sind ihm gleichgestaltet, mit ihm gestorben und mit ihm auferweckt, bis wir mit ihm herrschen werden (vgl. Phil 3,21; 2 Tim 2,11; Eph 2,6; Kol 2,12 usw.). 
Solange wir auf Erden in Pilgerschaft sind und in Bedrängnis und Verfolgung ihm auf seinem Weg nachgehen, werden wir - gleichwie der Leib zum Haupt gehört - in sein Leiden hineingenommen; wir leiden mit ihm, um so mit ihm verherrlicht zu werden (vgl. Röm 8,17). 
Von ihm her "entfaltet sich der ganze Leib, durch Gelenke und Bänder getragen und zusammengehalten, im Wachstum Gottes" (Kol 2,19). Er selbst verfügt in seinem Leib, der Kirche, die Dienstgaben immerfort, vermöge deren wir durch seine Kraft uns gegenseitig Dienste leisten zum Heil, so daß wir, die Wahrheit in Liebe vollbringend, in allem auf ihn hin wachsen, der unser Haupt ist (vgl. Eph 4,11-16).


15. Juli 2011

Ort der Gnade

An diesem Punkt ist es vielleicht nützlich zu sagen, daß es auch heute Anschauungen gibt, nach denen die ganze Geschichte der Kirche im zweiten Jahrtausend ein ständiger Niedergang gewesen sei; einige sehen den Niedergang schon sofort nach dem Neuen Testament. In Wirklichkeit »Opera Christi non deficiunt, sed proficiunt«, gehen die Werke Christi nicht zurück, sondern schreiten voran. Was wäre die Kirche ohne die neue Spiritualität der Zisterzienser, der Franziskaner und Dominikaner, ohne die Spiritualität der hl. Teresa von Avila und des hl. Johannes vom Kreuz, und so weiter? Auch heute gilt dieser Satz: »Opera Christi non deficiunt, sed proficiunt«, sie schreiten voran. Der hl. Bonaventura lehrt uns das Zusammengehen der notwendigen, auch strengen Unterscheidung des nüchternen Realismus und der Öffnung für neue Charismen, die von Christus seiner Kirche im Heiligen Geist geschenkt werden. Und während sich diese Vorstellung vom Niedergang wiederholt, gibt es auch die andere Vorstellung, nämlich diesen »spiritualistischen Utopismus«, der sich wiederholt. Wir wissen in der Tat, wie einige nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil davon überzeugt waren, daß alles neu wäre, daß es da eine andere Kirche gäbe, daß die vorkonziliare Kirche zu Ende wäre und wir eine andere, eine völlig »andere« Kirche haben würden. Ein anarchischer Utopismus! Und Gott sei Dank haben die weisen Steuermänner des Schiffes Petri, Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul II., einerseits die Neuheit des Konzils und andererseits gleichzeitig die Einzigkeit und Kontinuität der Kirche verteidigt, die immer Kirche der Sünder und immer Ort der Gnade ist.


Papst Benedikt XVI

21. Juni 2011

Einander er-tragen

Und in wie vielen Geistern kommt es weder zum Erwachen noch zum Absterben, sondern "Kirche" ist und bleibt das unverstandene, durch die Taufe "zufällig" auferlegte Joch, das aus Gewohnheit weitergeschleppt oder eine Tages "verloren" wird, ohne jemals innerlich bejaht zu werden ...

Wir meinen: der Gläubige hat in solcher Begegnung - und ist sie nicht ein Teil des immerwährenden Gespräches, das sich durch die ganze Breite unseres Volkes hin abspielt? - die Nöte und Schwierigkeiten jener Verwirrten und Angefochtenen zunächst zu hören, aufzunehmen, ernst zu nehmen, auszusprechen und zu vertreten: nicht zuerst aus pädagogischen, gar aus taktischen Überlegungen, sondern aus Verpflichtung brüderlicher Liebe, welche das fremde Anliegen als das eigene erkennt. Wer soll denn "die andern" verstehen, wenn nicht wir? Etwa die Schadenfrohen, die Hämischen, alle, die Überläufer brauchen, alle, denen am Sterben des Glaubens etwas gelegen ist? Zu wem gehören die Verstörten, wenn nicht zu uns? Wer soll "schwach werden, wenn sie schwach werden", wenn nicht wir? Wer soll " brennen, wenn sie Ärgernis erleiden", wenn nicht wir? Sie sollen wissen, daß das sachliche Gewicht ihrer traurigen Erfahrungen gerade von den gläubigen und kirchentreuen Brüdern aufgefangen und anerkannt und mitgelitten und in die eigene Verantwortung eingeschlossen wird, nicht trotzdem wir katholisch, sondern weil wir es sind. Weil auch wir, die Gläubigen, dem "immerwährenden Gespräch" garnicht entrinnen können, selbst wenn wir es möchten; weil wir ihm standhalten müssen, immer aufs neue, alle Anfechtungen des Zeitgeistes auch im gläubigen Herzen austragen und mitleiden müssen. Vielleicht sagen etliche unserer behüteten und frömmeren Brüder: weil auch wir angekränkelt sind; sei es - wir meinen, daß wir die Wirklichkeit und Mächtigkeit des "Zeitgeistes" auf Schritt und Tritt erleben (- selbst wo wir wissen, daß dahinter Trug und Schein stehen -), weil wir lebendige Glieder eines kämpfenden, bedrängten Ganzen sind. 
Ida Friederike Görres (1947)

18. Juni 2011

Psychologie des Abfalls

Es gibt das "Erwachen der Kirche in den Seelen". Es gibt auch das "Sterben der Kirche in den Seelen". Wir erleben es rund um uns, mitten unter uns, selten als plötzlichen Zusammenbruch unter dem Blitzschlag einer Katastrophe, ... sondern als das langsame, schleichende, unmerkliche Sterben an Erkältung und Verarmung, an geistlicher Unterernährung und Verhärtung. Das schleppt sich so hin, bis die Kirche ihnen nur mehr als ein Äußerliches und Fremdes, drückend, fordernd, herausfordernd gegenübersteht, nur mehr Organisation, Zwang, Machtgebilde - auch dort, und das ist wichtig, wo sich noch kein Zweifel an ihrer Lehre erhoben hat. Dann erst sucht der Mensch nach Angriffspunkten, die er nur zu leicht von allen glaubensfeindlichen Seiten geliefert bekommt, um die unbehaglich bis unerträglich gewordenen Autorität ins Unrecht zu setzen, zu entkräften, als ungültig zu entlarven und wenigstens für sich mit gutem Gewissen abzusetzen.
Ida Friederike Görres, 1947

8. Mai 2011

Mutter der Kirche

Zugleich aber findet sie (Maria) sich mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams verbunden, ja "sie ist sogar Mutter der Glieder (Christi), denn sie hat in Liebe mitgewirkt, daß die Gläubigen in der Kirche geboren würden, die dieses Hauptes Glieder sind" (174). Daher wird sie auch als überragendes und völlig einzigartiges Glied der Kirche wie auch als ihr Typus und klarstes Urbild im Glauben und in der Liebe gegrüßt, und die katholische Kirche verehrt sie, vom Heiligen Geist belehrt, in kindlicher Liebe als geliebte Mutter.

10. März 2011

Benedikt XVI., der Glaubenslehrer

Diese Wucht eines wirklichen Geschehens macht auch deutlich, dass ein moralischer Zugang zum „Wesen des Christentums“ unzureichend ist. Bereits in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ (2005) hatte Benedikt XVI. bekräftigt: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (Nr.1). Die Tatsache, dass Jesus das Gesetz und die Verkündigung der Propheten auf das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe hinführt und die ganze gläubige Existenz von diesem Auftrag her zentriert „ist nicht bloße Moral, die dann selbständig neben dem Glauben an Christus und neben seiner Vergegenwärtigung im Sakrament stünde: Glaube, Kult und Ethos greifen ineinander als eine einzige Realität, die in der Begegnung mit Gottes Agape sich bildet“ (Nr. 14).

Das „Wesen des Christentums“ ist, so macht Benedikt XVI. deutlich, das Geschenk der Begegnung mit Gott, das Hineingenommensein in das Sein Gottes, die Berufung des Menschen zum göttlichen Leben, zur „theiosis“, das heißt zur „Vergöttlichung“ alles Endlichen, um gerettet zu werden, wie dies die Kirchenväter nannten, durch die treue und konsequente Nachfolge. Der Christ ist Christ, wenn er die „imitatio Christi“ konkret lebt und nicht nur kalten Theoremen Raum gibt, die allein der eigenen Befriedigung dienen. Das ist der Sinn der christlichen Reinheit: „An die Stelle der rituellen Reinheit ist nicht einfach die Moral getreten, sondern das Geschenk der Begegnung mit Gott in Jesus Christus“ (S. 77).

Diese Begegnung wird durch das „neue Gebot der Liebe“ geregelt, das sich nicht in der Bereitschaft zur Nächstenliebe erschöpft: „Wenn darin das Eigentliche und Ganze des ‚neuen Gebotes’ läge, wäre Christentum nun doch als eine Art von äußerster moralischer Anstrengung zu definieren“ (S. 80). Gewiss, „die liberale Exegese hat gesagt, Jesus habe den rituellen Begriff von Reinheit durch deren moralische Auffassung ersetzt: An die Stelle des Kultes und seiner Welt trete die Moral“. Aber: „dann wäre Christentum wesentlich Moral, eine Art moralischer Aufrüstung. Aber damit wird man der Neuheit des Neuen Testaments nicht gerecht“ (S. 75).



Buchbesprechung von A. Schwibach

19. Februar 2011

peccemus non adorando

Schon Augustinus hat gesagt: »… nemo autem illam carnem manducat, nisi prius adoraverit; … peccemus non adorando – Niemand ißt dieses Fleisch, ohne es vorher anzubeten; … wir würden sündigen, wenn wir es nicht anbeteten« (vgl. Enarr. in Ps 98,9; CCL XXXIX, 1385). In der Tat empfangen wir in der Eucharistie nicht einfach irgend etwas. Die Eucharistie ist die Begegnung und Vereinigung von Personen; die Person jedoch, die uns entgegenkommt und mit uns eins zu werden wünscht, ist der Sohn Gottes. Eine solche Vereinigung kann nur in der Anbetung stattfinden. Die Eucharistie zu empfangen bedeutet, den anzubeten, den wir empfangen. Genau so und nur so werden wir eins mit ihm. Daher ist die Entwicklung der eucharistischen Anbetung in der Form, wie sie sich im Verlauf des Mittelalters herausgebildet hat, eine Konsequenz des eucharistischen Geheimnisses selbst und besitzt einen starken inneren Zusammenhang mit diesem: Nur in der Anbetung kann eine tiefe und echte Aufnahme der Eucharistie heranreifen. Und eben in dieser persönlichen Begegnung mit dem Herrn reift dann auch die Sendung im zwischenmenschlichen Bereich heran, die in der Eucharistie enthalten ist und die nicht nur die Barrieren zwischen dem Herrn und uns beseitigen will, sondern auch und vor allem die Barrieren, die uns Menschen voneinander trennen. 


6. Februar 2011

Die Gebete

Die letzte Säule kirchlicher Existenz nennt Lukas „die Gebete“. Er redet in der Mehrzahl: Gebete. Was will er damit sagen? Wahrscheinlich denkt er dabei an die Teilnahme der frühen Jerusalemer Gemeinde an den Gebeten im Tempel, an den gemeinsamen Ordnungen des Betens. So wird etwas Wichtiges sichtbar. Beten muß einerseits ganz persönlich sein, mein innerstes Einswerden mit Gott. Mein Ringen mit ihm, meine Suche nach ihm, mein Dank für ihn und meine Freude an ihm. Aber es ist doch nie nur eine private Sache meines individuellen Ich, die die anderen nichts anginge. Beten ist wesentlich immer auch Beten im Wir der Kinder Gottes. Nur in diesem Wir sind wir Kinder unseres Vaters, zu dem der Herr uns zu beten gelehrt hat. Nur dieses Wir öffnet uns den Zugang zum Vater. Einerseits muß unser Beten immer persönlicher werden, immer tiefer den Kern unseres Ich berühren und durchdringen. Andererseits muß es sich immer von der Gemeinschaft der Betenden, von der Einheit des Leibes Christi nähren, um mich wirklich von der Liebe Gottes her zu formen. 

So ist Beten letztlich nicht irgendeine Aktivität unter anderen, ein bestimmter Winkel meiner Zeit. Beten ist Antwort auf den Imperativ, der am Anfang des Hochgebets in der Eucharistiefeier steht: Sursum corda – die Herzen nach oben! Es ist das Hinaufgehen meiner Existenz auf die Höhe Gottes hin. Beim heiligen Gregor dem Großen findet sich dazu ein schönes Wort. Er erinnert daran, daß Jesus den Täufer Johannes „eine brennende und strahlende Leuchte nennt (Joh 5, 35)“ und fährt fort: „Brennend vor himmlischer Sehnsucht, strahlend durch das Wort. Damit also die Wahrhaftigkeit der Verkündigung gewahrt bleibe, muß die Höhe des Lebens gewahrt werden“ (Hom. in Ez. 1, 11, 7 CCL 142, 134). Die Höhe des Lebens, die gerade heute zum Zeugnis für Jesus Christus so wesentlich ist, können wir nur finden, wenn wir uns von ihm im Gebet immer wieder auf seine Höhe hinaufziehen lassen.


Papst Benedikt XVI

5. Februar 2011

Grundelemente der christlichen Existenz

Für die Gebetswoche um die Einheit der Christen hatten dieses Jahr die christlichen Gemeinden von Jerusalem die Worte aus der Apostelgeschichte gewählt, in denen der heilige Lukas normativ darstellen will, was die Grundelemente der christlichen Existenz in der Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi sind. Er sagt so: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und an den Gebeten“ (Apg 2,42). In diesen vier tragenden Elementen des Kirche-Seins wird zugleich auch der wesentliche Auftrag ihrer Hirten beschrieben. Alle vier Elemente sind zusammengehalten durch das Wort „festhalten“ – „erant perseverantes“, übersetzt die lateinische Bibel den griechischen Ausdruck προσκαρτερέω: die Beständigkeit, die Beharrlichkeit gehört zum Wesen des Christseins, und sie ist grundlegend für den Auftrag der Hirten, der Arbeiter im Erntefeld des Herrn. Der Hirte darf kein Schilfrohr sein, das sich mit dem Winde dreht, kein Diener des Zeitgeistes. Die Unerschrockenheit, der Mut zum Widerspruch gegen die Strömungen des Augenblicks gehört wesentlich zum Auftrag des Hirten. Nicht Schilfrohr darf er sein, sondern – nach dem Bild des ersten Psalms – wie ein Baum, der tiefe Wurzeln hat und darauf festgegründet steht. Das hat nichts mit Starrheit oder Unbeweglichkeit zu tun. Nur wo Beständigkeit ist, ist auch Wachstum. Kardinal Newman, zu dessen Weg drei Bekehrungen gehören, spricht davon, daß Leben Sich-Wandeln ist. Aber seine drei Bekehrungen und die darin geschehenen Wandlungen sind doch ein einziger, zusammenhängender Weg: der Weg des Gehorsams gegen die Wahrheit, gegen Gott; der Weg der wahren Beständigkeit, der gerade so vorwärts führt.


Papst Benedikt XVI

31. Januar 2011

Es ist ausschließlich der HERR, der Sünden vergibt (Ps 130,8). Seine Barmherzigkeit betrifft ganz Israel (Ex 32,14), auch die böse Generation der Wüste (Ex 34,6–7), seine Stadt Jerusalem und auch die an- deren Völker (Jona 3,10). 

Die Vergebung ist immer unverdient und kommt von der Heiligkeit Gottes, der Eigenschaft, die den HERRN von allen irdischen Wesen unterscheidet (Gen 8,21; Hos 11,9). Die Vergebung Gottes verursacht eine kreative Erneuerung (Ps 51,12–14; Ez 36,26.27) und bringt Leben mit sich (Ez 18,21–23). Sie ist Israel immer angeboten (Jes 65,1–12) und kann nur durch die Weigerung des Volkes, zum HERRN zurückzukehren, vereitelt werden (Jer 18,8; Am 4,6–13). Nach dem Dekalog ist die Geduld Gottes so staunenswert, dass sie bis ins dritte und vierte Geschlecht geht und darauf wartet, dass sie die Wege der Bosheit verlassen (Ex 20,5–6; Num 14,18). 

Seine Vergebung schließlich beendet jede Strafe (Jes 40,1–20; Jona 3,10), die kein anderes Ziel hat, als die Sünder zu Gott zurück- zuführen: „Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?“ (Ez 18,23; vgl. Jes 4).

Sünde und Vergebung

Schuld und Vergebung sind nicht Verbuchungsvorgänge, sind nicht Materie von juristischer Zuweisung und von Nachlass von Schulden. Sie greifen vielmehr tief in die Realität ein. Die schlechten Handlungen verursachen eine negative Veränderung des Kosmos. Sie sind gegen die Schöpfungsordnung und sie können nur durch Handlungen ausgeglichen werden, die die Weltordnung wiederherstellen. An zweiter Stelle: Diese Vorstellung von einem natürlichen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist wichtig für die Rolle Gottes bei der Vergebung: Er ist nicht der strenge Gläubiger, der Schulden in Ordnung bringt, er ist vielmehr der wohlwollende Schöpfer, der die Menschen wieder zu Wesen macht, die er liebt, und der die Schäden, die sie an der Welt verursacht haben, wiedergutmacht. Diese zwei Voraussetzungen entsprechen nicht dem juristischen Verständnis von Sünde und Vergebung in unserer Kultur. Man muss sie aber berücksichtigen, weil man sonst einen Zugang zur Verkündigung von der Barmherzigkeit Gottes verliert. Das ontologische Verständnis der Sühne zeigt sich in einigen metaphorischen Ausdrücken: Gott „wirft die Sünden in die Tiefe des Meeres“ (Mi 7,19), „wäscht ab die Schuld“ (Ps 51,4) und „erlöst von der Sünde“ (Ps 130,8).

30. Januar 2011

Erneuerung



Wenn man sich nicht als Einzelner oder als Gruppe starrsinnig abschließt, dann wird die Teilnahme an der Eucharistie immer der stärkste Ruf zur Umkehr sein und die beste Art und Weise, dem Bund neue Lebenskraft zu geben, damit er das Leben und das Verhalten in der Kirche erneuere und, von ihr her, in der Welt.

29. Januar 2011

Gutsein-Religion



Im Grunde genommen haben Katholiken während der vergangenen 40 Jahre ihren Kindern den Katholizismus nicht beigebracht. Sie haben ihnen "Amerikanischen Katholizismus" beigebracht, was eine verwässerte Mischung von Sentimentalismus, politischer Korrektheit, Gemeinschaftsaktivität und Utilitarianismus ist. Anders ausgedrückt: "Im Katholizismus geht es darum, daß du dich mit dir selbst gut fühlst, daß du anderen gegenüber gerecht bist und daß du versuchst, die Welt zu verändern". (so zu lesen bei Alipo)

Erschütternd. Das ist nicht nur Wirklichkeit in den USA. Als Folge der Befreiungstheologie, vermischt mit pentekostalen Einflüssen, welche in Brasilien sehr stark sind, ist diese Mentalität in Varianten hier weit verbreitet. So zumindest scheint es mir.

4. Dezember 2010

Das Blut der Märtyrer verwandelt die Welt

So können wir in diesem Moment einen Blick auf den zweiten Psalm dieser mittleren Hore werfen, Psalm 81, wo ein Teil dieses Prozesses sichtbar wird. Gott steht unter den Göttern, die in Israel noch als Götter betrachtet werden. In diesem Psalm wird in einer äußerst konzentrierten Form, in einer prophetischen Vision die Entmachtung der Götter sichtbar. 

Diejenigen, die Götter schienen, sind keine Götter und verlieren ihren göttlichen Charakter, sie stürzen. „Dii estis et moriemini sicut homines“ (vgl. Ps 82 [81], 6-7): die Entmachtung, der Sturz der Götter.

Dieser Prozess, der im Laufe des langen Glaubensweges Israels erfolgt und der hier in einer einzigen Vision zusammengefasst wird, ist ein wahrer Prozess der Religionsgeschichte: der Sturz der Götter. 

Und so ist die Verwandlung der Welt, die Erkenntnis des wahren Gottes, die Entmachtung der Mächte, die die Erde beherrschen, ein schmerzhafter Prozess. In der Geschichte Israels sehen wir, wie diese Befreiung vom Polytheismus, diese Erkenntnis - „nur er ist Gott“ – sich unter vielen Schmerzen verwirklicht, angefangen vom Weg Abrahams, dem Exil, den Makkabäern, bis hin zu Christus.

Und in der Geschichte hält dieser Prozess der Entmachtung an, über den die Offenbarung im zwölften Kapitel spricht; sie spricht vom Fall der Engel, die keine Engel, keine Götter auf der Erde sind.

Und er wird gerade in der Zeit der entstehenden Kirche Wirklichkeit, wo wir sehen, wie mit dem Blut der Märtyrer die Götter entmachtet werden, alle diese Gottheiten, angefangen beim göttlichen Kaiser. Es ist das Blut der Märtyrer, der Schmerz, der Schrei der Mutter Kirche, der sie stürzen lässt und so die Welt verwandelt.

Dieser Sturz ist nicht nur die Erkenntnis, dass sie nicht Gott sind. Es ist der Prozess der Verwandlung der Welt, der mit Blut bezahlt wird, der mit dem Leiden der Zeugen Christi bezahlt wird. 

Und wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass dieser Prozess niemals zu Ende ist. Er verwirklicht sich in verschiedenen Zeiträumen der Geschichte auf immer neue Weise. Auch heute, in diesem Moment, in dem Christus, der einzige Sohn Gottes, geboren werden muss für die Welt durch den Sturz der Götter, durch das Leid, das Martyrium der Zeugen.

Denken wir an die großen Mächte der heutigen Geschichte, denken wir an das anonyme Kapital, das den Menschen versklavt, das nichts zum Menschen gehörendes mehr ist, sondern eine anonyme Macht, der die Menschen dienen, von dem die Menschen gequält und sogar zerstört werden. Es handelt sich um eine zerstörerische Macht, die die Welt bedroht. 

Und dann die Macht der terroristischen Ideologien. Scheinbar im Namen Gottes wird Gewalt verübt, doch es ist nicht Gott: es sind falsche Götter, die entlarvt werden müssen, die nicht Gott sind. 

Und dann die Drogen, diese Macht, die wie eine gefräßige Bestie ihre Klauen auf alle Teile der Erde ausstreckt und Zerstörung bringt: sie sind eine Gottheit, aber eine falsche Gottheit, die stürzen muss. 

Oder auch die von der öffentlichen Meinung propagierte Lebensweise: heute macht man das so, die Ehe zählt nichts mehr, die Keuschheit ist keine Tugend mehr und so weiter.

Diese herrschenden Ideologien, die sich mit Macht aufdrängen, sind Götter. Und im Schmerz der Heiligen, im Schmerz der Gläubigen, der Mutter Kirche, zu der wir gehören, müssen diese Götter stürzen, muss sich das verwirklichen, was die Briefe an die Kolosser und an die Epheser sagen: die Herrschaften, die Mächte stürzen und werden Untertanen des einen Herrn Jesus Christus.

Über diesen Kampf, in dem wir uns befinden, über diese Entmachtung der Götter, über diesen Sturz der falschen Götter, die stürzen, weil sie keine Götter sind, sondern Mächte, die die Welt zerstören, spricht die Offenbarung im zwölften Kapitel – ebenfalls mit einem geheimnisvollen Bild, für das es jedoch, so scheint mir, verschiedene schöne Interpretationen gibt. 

10. Oktober 2010

Dialoghunger

Bei Elsa nochmals vom Dialoghunger gelesen. Meines Erachtens gibt es zwischenmenschliche Dialoge auf kirchlicher Ebene in den letzten Jahrzehnten in Hülle und Fülle. So ist der Vorschlag aus Freiburg wirklich nichts weltbewegendes. Mehr als Gespräche hätten wir es wohl nötig uns im echte Zuhören-können zu üben. Die meisten Dialoge erscheinen mir Monologe und die Resultate entsprechend.

Als Basisübungen würde ich folgende vorschlagen:
  • Schweigen lernen: "Nur der Schweigende hört". (Pieper)
  • Dialog mit Gott, der in seinem Wort (Hl. Eucharistie und Hl. Schrift) auf unsere Dialogbereitschaft und Wandlungsbereitschaft wartet.
  • Demütigen Dialog mit der Hl. Mutter Kirche (Kathechismus und die Worte des Hl. Vaters), um unsere Fahnen nicht irrtümlich in den falschen Wind zu hängen.
  • Danach Missionierung unserer Umwelt, wie wir es am Dienstag von Papst Benedikt XVI. hören werden.

England und die Katholische Liturgie








“The most positive effect of the Pope’s visit was one that even the BBC could not prevent-and that was the public display of Roman Catholic ritual at its most gorgeous and replete,” wrote British philosopher Roger Scruton perceptively.

For many television viewers the Mass at Westminster Cathedral was their first experience of sacramental religion. The mystical identity between the ordinary worshiper and the crucified Christ is something that can be enacted, but never explained. It is enacted in the Mass, and as Cardinal Newman recognized, it is the felt reality of Christ’s presence that is the true gift of Christianity to its followers. . . . For many Englishmen, I suspect, the Pope’s Westminster Mass was the first inkling of what Christianity really means.

25. September 2010

Nicht Zuschauer - Mitspieler

Es besteht immer die Gefahr, daß man auf das Geschehen in und um die Hl. Mutter Kirche als Beobachter wie von außen schaut und bewertet (urteilen soll man ja nicht!). Daß dies aber die absolut falsche Position ist, von der aus das Weltgeschehen zu beobachten, zeigt uns Kardinal Meisner in diesen Worten.


"Wenn der Einstieg Gottes in die Welt Abstieg heißt, dann wird der Weg seiner Kirche ebenfalls Abstieg heißen müssen, um die Welt zum Aufbruch zu bringen. Die fortschreitende gesellschaftliche Schwächung der Kirche bei uns führt konsequenterweise ins Zentrum zu Jesus Christus im Abstieg. Das führt weg vom Besitz hin zur Gabe; das führt weg vom Privileg hin zur Verantwortung; das führt weg von der Selbstbewahrung hin zur Preisgabe. Diese Berufung heißt Sauerteig. Die Sauerteigfunktion bedingt geradezu die absteigende Existenz der Kirche: verborgen im großen Teig, eingekeilt in die Masse bis zur äußeren Ununterscheidbarkeit, aber dort mit einer Kraft, die den ganzen Teig durchsäuert und emporhebt. Israels größte religiöse Zeit war das Exil, in der alle äußeren Haltepunkte weggefegt waren. Dem neuen Israel, der Kirche, kann es nicht anders ergehen. Die immer neuen Leidensankündigungen des Herrn an seine Jünger wollen ohne Zweifel einschärfen: Leidenssituationen sind die Normalsituationen einer bezeugenden Kirche, weil sie ganz und gar der Norm Christi entspricht. Das bringt die Kirche in ungeheure Aufbrüche hinein. ...

Der einzelne Christ ist beim Drama der Verdemütigung seiner Kirche nicht Zuschauer, er ist Mitspieler. Am eigenen Leib wird er diesen Vorgang nachvollziehen müssen. Der Christ ist ein Beauftragter. Und dieser Auftrag treibt ihn in die Grenzgestalt des Weizenkorns, das in die Erde fällt. Die herabsteigende Liebe Christi ist die durchgehende Lebensform des Christen. Sie kann sich in verschiedenen Weisen zeigen, hat aber immer die Gestalt des Weizenkorns, das man im Versinken in die Erde nicht sehen kann, sondern nur in der Frucht, die es bringt. Die Formkraft Christi liegt - so wird man hier wohl sagen dürfen - in der Formlosigkeit des in der Erde sterbenden Weizenkorns, das nicht zu sich selbst, sondern zur Ernte aufersteht. Diese herabfallende Linie des Weizenkorns muss auch die Bewegung all derer sein, die ihr Leben christusförmig gestalten wollen. Wir lassen uns säen um der Ernte willen, und die Keimkraft Christi in uns wird die dicksten Erdschollen durchbrechen."