"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)
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7. Januar 2016

René Girard: GEWALT UND GEGENSEITIGKEIT

1923-2015
Um die gegenwärtige Geschichte zu verstehen, müssen wir zuerst ebenso in unser Inneres schauen, wie wir unsere Umgebung beobachten. Unsere Welt ist in allen Bereichen auf den Wettbewerb, auf fieberhaften Ehrgeiz ausgerichtet. Jeden von uns beeinflußt dieser Geist, der an sich nichts Schlechtes hat. Der Wettbewerbsgeist, der bei den Beziehungen innerhalb der herrschenden Klassen seit langem überwiegt, hat sich in der gesamten Gesellschaft verbreitet, und in unseren Tagen triumphiert er mehr oder weniger offen in der ganzen Welt. In den westlichen Nationen und vor allem in den Vereinigten Staaten belebt er nicht nur das Wirtschaftsleben und das Finanzsystem,sondern auch die Forschung und das Geistesleben. Trotz der Spannung und Unruhe, die er überall herrschen läßt, schätzen sich die Menschen des Westens im großen und ganzen glücklich, daß sie sich zu ihm bekannt haben, denn er wirkt sich sehr positiv aus, was zuallererst für den beispiellosen Reichtum eines bedeutenden Teils der Bevölkerung gilt. Niemand oder fast niemand denkt mehr daran, auf ihn zu verzichten, denn er ermöglicht es, von einer Zukunft zu träumen, die noch glanzvoller und erfolgreicher als die unmittelbare Vergangenheit sein wird. Unsere Welt erscheint uns als die erstrebenswerteste aller Zeiten, vor allem, wenn wir sie mit jenen Weltregionen vergleichen, die nicht denselben Aufschwung erleben.

Dennoch gibt es in der gegenwärtigen Situation etwas Negatives und Furchterregendes, und das empfinden selbst diejenigen, die den größten Nutzen aus ihr ziehen: Es geht um die vorwiegend untergründige, jedoch unzweifelhafte Faszination, die "das westliche Modell" auf die Massen der Elenden in der Dritten Welt ausübt. Die meisten souveränen Staaten sind zu weit zurückgeblieben, als daß sie sich wirksam am internationalen Wettbewerb beteiligen könnten.


Beide Seiten führen urväterliche Traditionen an, wenn sie Erscheinungen erklären wollen, die im Gegenteil und ganz offensichtlich vom Verlust dieser Traditionen bewirkt werden, und für diesen Verlust hat sich bisher nicht der geringste Ausgleich gefunden. Der Haß auf den Westen und auf alles, was er darstellt, beruht nicht darauf, daß sein Geist jenen Völkern wirklich fremd ist und daß sie sich tatsächlich gegen den "Fortschritt" wehren, den hingegen wir verkörpern würden, sondern darauf, daß ihnen der Wettbewerbsgeist ebenso vertraut wie uns selbst ist. Sie wenden sich gar nicht wahrhaftig vom Westen ab, sie können es sich nicht versagen, ihn nachzuahmen, seine Werte zu übernehmen, ohne es sich selber einzugestehen, und ebenso wie wir werden sie von der Ideologie des persönlichen oder gemeinschaftlichen Erfolgs angestachelt.


Diese auf der Rivalität beruhende Konzeption, die unser Vorbild der ganzen Welt aufzwingt, kann uns nicht zu Siegern machen, ohne daß sie anderswo zu unzähligen Besiegten, unzähligen Opfern führt. Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn diese Ideologie in der Dritten Welt völlig andere Reaktionen als bei den Siegern hervorruft. Vor allem weckt sie das inbrünstige Verlangen, ein für allemal jene Kraft zu vernichten, die an der persönlichen und nationalen Niederlage schuld ist, jene gewaltige Konkurrenzmaschine, zu der sich die Vereinigten Staaten, unmittelbar gefolgt vom gesamten übrigen Westen, entwickelt haben.
Die Menschen unterliegen der ansteckenden Wirkung der Gewalt, die oft zu Rachezyklen führt, zu einer Kettenreaktion von Gewalttaten, die einander alle ganz offensichtlich gleichen, weil sie sich gegenseitig nachahmen. Darum sage ich: Das wahre Geheimnis der Konflikte und Gewalttaten besteht in der begehrenden Nachahmung, dem mimetischen Begehren und den von ihm heraufbeschworenen erbitterten Rivalitäten.
Selbst wenn man anerkennt, daß die mimetische Rivalität zahlreiche Konflikte verursacht, kann man glauben, daß es andere konfliktträchtige Beziehungen gibt, denen das Begehren fehlt, und daß ich seine Rolle übertreibe, indem ich aus ihm die Hauptursache der menschlichen Konflikte mache. Man meint, ich verfalle den leichtfertigen Freuden des "Reduktionismus".


Es gibt viele - kleine und große - Konflikte, die anscheinend nichts mit dem Mimetismus und seinen Rivalitäten zu tun haben, denn in ihnen spielt das Begehren keine Rolle. Auch die am wenigsten leidenschaftlichen zwischenmenschlichen Beziehungen können von Gewalt geprägt werden. Wie ließen sich mit der von mir dargelegten Konzeption, der mimetischen Konzeption, solche Konflikte erklären, die offenbar zwischen Personen ausbrechen und sich beunruhigend schnell verschärfen, die kein gemeinsames Begehren trennt oder zusammenführt?


Nehmen wir, um auf diesen Einwand zu antworten, ein möglichst banales Beispiel: Sie strecken mir die Hand entgegen, und dafür halten ich Ihnen meine hin. Gemeinsam vollziehen wir den harmlosen Ritus des Händedrucks. Die Höflichkeit gebietet, daß ich Ihnen die Hand reiche, wenn Sie mir die Ihre hinhalten. Wie reagieren Sie, falls ich es aus irgendeinem Grund ablehne, an dem Ritus teilzunehmen, und mich weigere, Sie nachzuahmen? Sofort ziehen Sie die Hand zurück. Mir bezeigen Sie eine Distanz, die der von mir bekundeten wenigstens gleichkommt und sie wahrscheinlich noch etwas übertrifft.
Nichts ist normaler und natürlicher als diese Reaktion, meinen wir, und trotzdem entdeckt man ihr paradoxes Wesen, sobald man nur ein wenig nachdenkt. Wenn ich den Händedruck verweigere, wenn ich es im Grunde genommen ablehne, Sie nachzuahmen, so ahmen Sie mich nach, indem Sie meine Weigerung nachvollziehen und nachgestalten.


Die Nachahmung, die eine Übereinstimmung konkretisiert, erscheint sonderbarerweise wieder, um die Nichtübereinstimmung zu bestätigen und zu verstärken. Anders ausgedrückt: Die Nachahmung setzt sich aufs neue durch, und daran erkennt man klar, wie die doppelte Nachahmung alle zwischenmenschlichen Beziehungen streng und unerbittlich strukturiert.


In dem von mir dargestellten Fall wird der Nachahmer zum Modell und das Modell zum Nachahmer, und die Nachahmung entsteht von neuem aus den Bemühungen, sie abzulehnen. Kurz gesagt: Wenn der eine Partner den Staffelstab des Mimetismus fallen läßt, hebt ihn der andere auf, und zwar nicht, um die sich schon lösende Bindung zu erneuern, sondern um den Bruch zu vollenden, indem er ihn mimetisch verdoppelt. ...

Der menschliche Konflikt definiert sich nicht durch den Verlust der Gegenseitigkeit, sondern durch die zuerst unmerkliche und dann immer schnellere Verschiebung von der guten zur schlechten Gegenseitigkeit. Man nimmt diese Verschiebung kaum wahr, doch die geringste Unachtsamkeit, die kleinste Vergeßlichkeit können unsere Beziehungen dauerhaft beeinträchtigen. Die umgekehrte Bewegung von der schlechten zur guten Gegenseitigkeit verlangt hingegen große Aufmerksamkeit und Selbstverleugnung. Sie ist nicht immer möglich.


Beobachtern entgeht meistens die allgemeine doppelte Nachahmung. Die einzigen unter uns, die sich dessen im Alltagsleben bewußt werden, sind bestimmte "psychisch" gestörte Persönlichkeiten, die unter einer "beginnenden Psychose" leiden, wie Doktor Henri Grivois es nennt. Diese Leute, oft sind es Jugendliche, haben das Gefühl, ständig nachgeahmt zu werden, und manchmal empfinden sie sich auch als Nachahmer. Daß die meisten von uns nichts dergleichen bemerken und daß wir es auch nicht bemerken dürfen, um normal zu bleiben, ist ebenfalls sehr bedeutsam und sollte unsere Auffassungen vom Banalen und Originellen, vom Normalen und Anormalen ein wenig modifizieren. Das mechanische, unauffällige Wesen des Mimetismus in den normalsten Beziehungen bewirkt, daß diese Kranken, vor allem Leute, die verunsichert sind, weil man sie plötzlich aus ihrer gewohnten Umwelt gerissen hat, sich als Gegenstand allgemeiner mimetischer Aufmerksamkeit ansehen; sie halten sich also für den Mittelpunkt der Welt. Henri Grivois nennt das Zentralität. Wenn man psychisch normal bleiben will, ist es besser, sich wie alle zu verhalten und für die allgemeine Nachahmung blind zu sein.


Die doppelte Nachahmung ist folglich allgegenwärtig. Selbst in ihrer mechanischsten Form kann sie den gleichen Konflikttypus wie die auf dem mimetischen Begehren beruhende Rivalität hervorbringen. Durch eine unaufhörliche Folge von kleinen symmetrischen Abgrenzungen, von unmerklichen Komplikationen, die nur überwunden werden, um aufs neue zu entstehen, wird die Eintracht zu Zwietracht. Hauptursache ist die Tendenz, die vermeintliche Feindseligkeit des anderen zu überkompensieren und sie dabei weiter zu verstärken. Personen, die soeben noch Höflichkeiten austauschten, sind nun dabei, perfide Andeutungen auszutauschen. Bald werden sie Beleidigungen austauschen, dann Drohungen und sogar Faustschläge oder Revolverschüsse, und das alles, wie ich wiederholen möchte, ohne daß die Gegenseitigkeit beeinträchtigt wird.
Wenn die Gegner schließlich einander umbringen, so geschieht das in der Absicht, sich von der schlechten Gegenseitigkeit zu befreien, diesem unausrottbaren Unkraut, das nun in Form einer zyklischen, endlosen Rache erscheint. Die Rache kann sich über Generationen hinweg erhalten und über die ganze Welt ausbreiten. Sie überschreitet Raum und Zeit. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn die archaischen Völker sie für heilig halten.


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7. September 2015

Auf Gedeih und Verderb Christ werden.

Wir müssen wieder ganze Christen werden! Und wie können wir ganze Christen sein, ohne daß wir einfach aus dem Gedanken GOTT leben? Ob das der Eingeborene vom VATER ist, bei Dem jedes dritte Wort VATER ist, oder ob wir einfachhin GOTT meinen, ist das Gleiche. Darum muß uns der Gedanke GOTT zum Lebenselement werden, so, daß ich überhaupt nicht mehr sein kann, außer aus dem Gedanken GOTT!
Was interessiert Augustinus? GOTT! Wenn Sie die Confessiones, 2. Teil, hernehmen, dann dreht es sich nur um eine Frage GOTT. Auch wir werden davon nicht dispensiert. GOTT muß mir zur Lebensnotwendigkeit werden, sodaß ich aus dem Gedanken GOTT überhaupt nicht loskomme, genau wie Augustinus. Diese Confessiones müssen Sie lesen, nicht wie ein Traktat von Thomas, sondern wie eine Selbstbiographie der Seele. Er schreibt, was einfach vor seiner Seele steht - und plötzlich, während er so über GOTT redet, auf einmal kommt es ihm: Was ist das denn, wenn ich GOTT liebe? Was ist das? Erst wenn der Gedanke GOTT so in mir ist, wie Hunger und Durst und Existenz, dann bin ich erst das geworden, was Christ sein heißt.
An uns liegt es, wie die Zeiten sich gestalten. Der Diamat ist, daß wir Christen versagt haben, weiter gar nichts. Keine Heiden haben ihn erdacht, es sind lauter Christen, die das gemacht haben, das ist so klar wie etwas. Ist einfach eine Sepsis des christlichen Lebens hinein ins Widergöttliche, nicht ins Widerchristliche, nein, ins Widergöttliche hinein. Darum gibt es nur eine Lösung: Wir müssen ganz und gar Christen werden, für die der Gedanke GOTT unabdingbar ist - nicht Sache eines Beweises - sondern Sache des Lebens.


 Helixnebel NGC 7293

Ich kann nicht anders als in GOTT stehen. Daß uns das nicht mehr Lebenselement ist, sondern Konfessionselement ist, das ist das Versagen, das namenlose. Es muß Lebenselement sein! Ich muß so in GOTT stehen, daß es unmöglich ist, irgendeinen Diamat überhaupt nur am Rand anzunehmen. Er ist ja nur ein Verzweiflungssystem.
Sicher haben Sie schon gehört vom Professor von Tübingen ... Ernst Bloch und sein Buch "Prinzip der Hoffnung"... hätte den Namen erhalten sollen "Prinzip der Verzweiflung"; es gibt kein Buch der Weltliteratur, das so trostlos ist. Er möchte in das Absolute hinein und kann es nicht, weil ihn sein Stolz nicht zu GOTT läßt.
Und was er nachher geschrieben hat, "Menschenwürde und Freiheit", ist nackte Verzweiflung. Man könnte ihm beweisen, er braucht GOTT, aber das zugeben kann er nicht. Es ist allerhand für eine Universität wie Tübingen, daß dies für sie tragbar ist.
So kommt es, daß die Zeit heute der Welt ein Charakteristikum vorexerziert, wie der Rechtsphilosoph Ernst von Hippel es nennt - wir sind so tief in der Welt drinnen, wir sind so in die Welt hinein gefesselt und hinein verschmolzen, daß wir in der Welt, die wir als unsere einzige Heimat wollten - nicht mehr das Jenseits -‚ heimatlos geworden sind. So schreibt ein Rechtsphilosoph im Namen des Rechtes, nicht aus dem Glauben heraus! Von der Heydte  schreibt genau das gleiche. Es gibt keine Menschheit, die so heimatlos geworden ist, wie wir, die so wenig sich zurecht findet, die so an allem, was sie ist, leidet. Was wurde? Schopenhauer - und das ist noch das Harmloseste; diese Abart von Idealismus war nur eine Zwischenstufe - Schopenhauer gebraucht den Ausdruck nicht, aber es ist eine Philosophie der Heimatlosigkeit. Was ist der Mensch heute? Ein Fremdling; weil er die Welt sucht, wird er in der Welt ein Fremdling.
Und CHRISTUS: ICH heiße euch nicht mehr Fremdlinge, ICH heiße euch Kinder.- Wir wollen ja nicht mehr Kinder sein, wir wollen in der Welt sein und leben. Dadurch sind wir heimatlos geworden. Das ist eine Tragik. Denken Sie das zu Ende auf dem Hintergrund: GOTT - die Welt, die in der Welt heimatlos geworden ist. Ich kann in der Welt nur Heimat finden, wenn ich die Welt von GOTT her sehe.
Der Tag heute und die Gedanken um dieses Evangelium sind von einer Tragik, namenlos, ob ich sie existenziell, apokalyptisch oder eschatologisch ansehe.
Die Welt ist heute heimatlos geworden, weil sie in sich ihre Heimat suchte und nun entdeckte, daß die Welt niemals Heimat sein kann. Je mehr wir in die Welt hineinsteigen, - und als Weltmenschen müssen Sie das - desto fremder werden wir der Welt. Wieso das?
Das ist der beste Beweis dafür, daß wir eine ganz falsche Wertskala haben, daß wir von Surrogaten heraus leben. Ob es die ganz naiven sind: Vergnügen und Lust, - diese naiven Vergnügungen, die uns Film - und Fernsehen anbieten - oder ob es irgendwelche andere mißdeutete Werte sind, es ist immer das gleiche. Indem wir darin unsere Ziele sehen, werden wir hoffnungslos und unfähig, ein anderes Ziel zu sehen.
Es wird in kurzer Zeit nur mehr zweierlei Menschen geben Christen und Nichtchristen. Die an GOTT glauben und die, denen GOTT vollkommen verloren gegangen ist. Nicht einmal irgend ein Idealismus ist fähig, die zu retten. Bitte, man sehe dieses Beispiel an: Woher kommt der Diamat? Woher kommt er? Von Hegel. Hegel - als der letzte Exponent des deutschen Idealismus. Im Namen des Idealismus werden wir Materialisten. Haben Sie das schon einmal erwogen?
Worum geht es heute? Alles fragt: Was sollen wir machen? Wie geht es weiter? … In Wirklichkeit geht es nur um eines: Wir müssen auf Gedeih und Verderb Christen werden.

VB 1962

13. August 2015

Marcuse - Der eindimensionale Mensch

aus dem Artikel "Marcuses Papstkritikerkritik" von Renzo Spielmann (Die Tagespost, 17.02.2009)

Hier einige Kostproben aus diesem Buch von 1964, die die aktuellen Vorgänge heute noch haargenau treffen:
"An den Knotenpunkten des Universums der öffentlichen Sprache treten Sätze auf, die sich selbst bestätigen und gleich magisch-rituellen Formen funktionieren." - " Die Sätze nehmen die Form suggestiver Befehle an, sie sind eher evokativ als demonstrativ." - "Die gesamte Kommunikation hat einen hypnotischen Charakter und gleichzeitig einen Anstrich von falscher Vertraulichkeit, das Ergebnis beständiger Wiederholung." - "Sie leugnet oder absorbiert den transzendierenden Wortschatz; sie sucht nicht nach Wahrheit oder Falschheit, sondern setzt sich ein und durch." - "Diese Struktur lässt  keinen Raum für Unterscheidung, Entwicklung und Differenzierung des Sinns." Der Erfolg der zeitgenössischen Mediensprache besteht für Marcuse in der "Fähigkeit, alle anderen Ausdrücke seinen eigenen anzuähneln." Eine solche Sprache spricht für Marcuse "in Kostruktionen, die dem Empfänger einen schiefen und abgekürzten Sinn aufnötigen."

Herbert Marcuse
Massenmedien sind "voller Hypothesen, die sich selbst bestätigen und die, unaufhörlich und monopolistisch wiederholt, zu hypothetischen Definitionen und Diktatenwerden", schreibt Marcuse. Nachdem die der bürgerliche Tradition gegenüber kritisch bis feindlich eingestellten Leser Marcuses der Studentengeneration der sechziger Jahre und ihrer späteren Schülern nach 1968 den Marsch durch die Institutionen geschafft haben, agieren sie längst selbst so, wie es ihr Lehrmeister Marcuse noch scharf kritisiert hat. Eine Art Verspießerung von links. Die "Selbstzerstörung der Aufklärung" sah Theodor W. Adorno am Werk, wo "Kritik in Affirmation" umschlage.

28. September 2013

Metaphysische Angst - Sartre


Stellen Sie sich vor, daß der angsterfüllte Mensch Sartres mitten in einem Anfall von metaphysischer Angst ein Klopfen an seiner Tür hört. Er öffnet, es ist der Stromableser, der kassieren will. Wenn er bezahlen kann, gut. Dann kann er mit seiner Angst fortfahren. Aber wenn er nicht bezahlen kann, geht seine metaphysische Angst zum Teufel und eine ganz andere überfällt ihn.

Vázquez Montalbán


10. September 2013

Ich - eine Illusion


– Was ist das Ich?
– Eine Illusion.
– Von wem?
– Von meinem Gehirn.
– Woher wissen Sie das?
– Niemand weiß. Unser Gehirn suggeriert.
– Also findet dieser Dialog zwischen zwei Gehirnen statt, die uns ein fragendes und ein antwortendes
    Ich suggerieren?
– So könnte man formulieren.
– Mögen Sie ein Glas Wein?
– Gern.
– So lassen Sie unsere Gehirne trinken auf die Illusion des Ich!

31. August 2013

Leben in Freiheit


Wer – wie ... Jean Paul Sartre – konsequent leugnet, daß der Mensch creatura sei und daß es also überhaupt so etwas gebe wie eine aller eigenen Entscheidung vorausliegende menschliche Natur, der handelt sich dafür eine Bindungslosigkeit ein, welcher zwar, wenngleich natürlich nur vermeintlicherweise, das ganze Feld der Windrose von dreihundertsechzig Grad frei verfügbar ist, die aber zugleich gänzliche Orientierungslosigkeit ist – weil sich dem Menschen folgerichtig »keine Möglichkeit (zeigt), sich auf etwas zu stützen, weder auf etwas in sich selbst noch außerhalb seiner selbst«: »es gibt keine Zeichen in der Welt«.Es ist dies genau jene berühmte Art von Freiheit, zu der man nicht berufen, sondern »verurteilt« wird und die schon fast identisch ist mit der Verzweiflung. (»Dies Wort hat eine äußerst einfache Bedeutung; es will sagen, daß wir uns darauf beschränken, uns auf das zu verlassen, was von unserem Wollen abhängt.«) All dies ist, wiederum, ein ziemlich exaktes »Negativ« der Wahrheit, das nur der Übertragung in sein Gegenbild bedarf, damit für ein unvoreingenommen über die Tiefe menschlicher Existenz reflektierendes Denken deutlich wird, daß ein gegen Verzweiflung wie Orientierungslosigkeit gleichermaßen gefeites Leben in Freiheit nur dann möglich ist, wenn der Mensch die Vorgegebenheit der eigenen Natur, das heißt seine Kreatürlichkeit mit allen Konsequenzen, annimmt und bejaht. 

Josef Pieper: Kreatürlichkeit

14. Juni 2013

Die böse Macht oder die Abschaffung des Menschen

Auf  kath.net gibt es einen sehr lesenswerten Artikel, in welchem Stefan Ahrens die Lektüre des Buches "Die Abschaffung des Menschen" von C.S. Lewis empfiehlt.



Als Ergänzung möchte ich auf die Perelandra-Trilogie aufmerksam machen, in der Lewis dasselbe Thema auf unterhaltsame Weise behandelt. Dies vor allem im letzten Band: Die böse Macht. 
Die bessere Übersetzung scheinen mir die ältere, bei Hegner und Herder herausgegebene, zu sein. Es lohnt sich also im Antiquariat zu stöbern.

5. Februar 2013

Leben in Ungesichertheit

Das Leben in Gesichertheit hat einen guten und tiefen Sinn, aber es ist falsch, das Leben mit der Gesichertheit gleichzusetzen und sich bloß deshalb, weil man nie das Schicksal der Ungesichertheit erlitten hat, für den wertvolleren, reicheren, lebendigeren Menschen halten. Das ist ein Wahn, den jede unbestechliche Beobachtung der wirklichen Existenz entlarvt. 
 “Das Leben selbst, wenn man es auf sein Wesen hin untersucht, scheint viel eher mit der Ungesichertheit insgeheim im Bunde zu sein als mit der Gesichertheit, und zwar nicht etwa, wie der Mensch aus seiner Alltagssicht so leicht anzunehmen geneigt ist, weil es ihm  aus einer ihm eingeborenen Feindseligkeit heraus sein Glück mißgönnen würde, sondern vielleicht gerade deshalb, weil erst die Ungesichertheit zu einer besonderen Art von Gesichertheit führt, die den Menschen über sich selbst hinausdrängt und ihm damit erst ganz zu sich selbst emporhebt.”

Karl Pfleger: Dialog mit Peter Wust, S. 302

25. Januar 2012

Gerechtigkeit - Antichrist

... wenn Gerechtigkeit die höchste unter den natürlich-sittlichen Vollkommenheiten des Menschen ist, dann muß Ungerechtigkeit der schlimmste Verderb des sittlichen Menschen sein. Corruptio optimi pessima; wenn das Beste verdirbt, dann ist es am schlimmsten! Diese Kehrseite der Münze erst offenbart die Aktualität, die der Lehre vom Vorrang der Gerechtigkeit innewohnt; ich würde sogar sagen, es ist eine einigermaßen unheimliche Aktualität. – Die christlich-abendländische Vorstellung von der Geschichte (sie aber ist das eigentliche Feld von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit) – diese Geschichtsvorstellung besagt ja, daß es, innerzeitlich betrachtet, nicht einfachhin mit einem Sieg der Vernunft, des Guten, der Gerechtigkeit ausgehen werde, daß vielmehr am Ende der zeitlich-irdischen Geschichte so etwas wie die Weltherrschaft des Bösen stehe. Dieser »Böse« aber, der Antichrist, der homo peccati, wird gedacht als die Verkörperung äußerster Ungerechtigkeit und zugleich als ein großer Asket und Heroe. Wer sich nicht damit vertraut gemacht hat, daß und warum der gute Mensch primär gerecht ist und also der böse primär ungerecht, das heißt, wer die Einsicht in die Rangordnung unter den Tugenden nicht zu eigen gewonnen hat, der muß durch die Erfahrungen, die sich in solchen Visionen ankündigen, notwendig in eine kaum zu bewältigende Verwirrung gestürzt werden. Vor allem wird er unfähig sein, die geschichtlichen Voraus-Figuren jenes Endzustandes überhaupt zu erkennen; er wird in völlig falscher Blickrichtung Ausschau halten nach den Mächten des Verderbens – und inzwischen richten sie vor seinen Augen ihre Herrschaft auf! 


Josef Pieper: Gerechtigkeit - heute (1973)

5. Dezember 2011

Sonne auslöschen

Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu wandeln.

Christian Morgenstern

9. Juli 2011

Martin Walser

"Es gibt Leute, die wollen noch die letzten Details des Urknalls wissen, anderen ist die Genesis lieber - die ist auf jeden Fall schöner!"

7. Mai 2011

Atempause



"Je mehr wir versuchen, Zeit zu sparen, desto schneller vergeht sie. Statt dessen gilt es ... Pausen und Wartezeiten bewusst zu erleben, als Zeiten zum Nachdenken und Verarbeiten, aber auch „einfach“ zum Abschalten – für das kleine Glück zwischendurch." 


Gefunden bei Josef Bordat in seinem Plädoyer für die Langsamkeit.

14. Dezember 2010

gratias agere

Thomas von Aquin lehrte, daß die Dankbarkeit eine komplexe menschliche Wirklichkeit sei. ... Der Begriff "Dankbarkeit" setzt sich zusammen aus Teilbegriffen und verschiedenen Graden des Verständnisses. Zuerst finden wir das "Anerkennen" (ut recognoscat) des erhaltenen Gutes vor; der zweite Teilbegriff ist das Loben und die Danksagung (ut gratias agat); drittens gibt es den Aspekt der "Rückerstattung" (ut retribuat), einer Art Kompensation, soweit diese möglich ist in zeitlich und örtlich günstigen Umständen (II-II, 107, 2, c).
Diese scheinbar so einfache Lehre, kann unschwer festgestellt werden in den verschiedenen Ausdrucksformen derer die Sprachen sich bedienen um Dankbarkeit auszudrücken; wobei jede Sprache nur einen der vielfältigen Aspekte der Wirklichkeit des Dankes betont.
Einige Sprachen drücken die Dankbarkeit auf dem Niveau des ersten Grades aus: indem die "Anerkennung" des Begnadigten deutlich herausgestellt wird. Übrigens ist "Anerkennung" (wie etwa im Französischen "reconnaissance") eigentlich ein anderes Wort für Dankbarkeit. In diesem Zusammenhang ist es hochinteressant die Etymologie zu beachten: In der englischen Tradition stammen to thank (danken) und to think (denken) ursprünglich, und durchaus nicht zufällig, vom selben Ausdruck. Über die etymologischen Definition des to thank, liest man im Oxford English Dictionary ganz klar: "The primary sense was therefore thought". Im deutschen ist ursprünglich das "Danken" ebenfalls ein "Denken".
Das alles ist ja schließlich auch sehr sinnvoll, weil, wie jeder weiß, daß nur der dankbar ist, der wirklich denkt. Man ist nur dann dankbar, wenn man die Freiheit des Wohltäters erwägt, bedenkt, und ernsthaft unter Betracht zieht. Wenn dieses Bedenken nicht geschieht, kommt es (bei dem Wohltäter) zu der absolut gerechtfertigten Beschwerde: "Was für eine Gedankenlosigkeit (Undankbarkeit, Gleichgültigkeit)!"
Daran liegt es auch, daß Sankt Thomas - indem er darauf hinweist, daß das absolut negative, die Verneinung des niedrigsten positiven Grades ist (die letzte Einfahrt rechts, ist für den, der von der entgegengesetzten Richtung kommt, die erste Einfahrt links...) - behauptet, daß die Gedankenlosigkeit (Rücksichtslosigkeit), das Ignorieren, die höchste Undankbarkeit zu bedeuten hat: "jener Kranke, der seine eigene Krankheit nicht in Rücksicht nimmt, möchte im Grunde gar nicht geheilt werden".
Der Arabische Dankbarkeitsausdruck Shukran, shukran jazylan! befindet sich unmittelbar in jenem zweiten Niveau, des Lobes gegenüber einem Wohltäter und einer erhaltenen Gabe.
Andererseits heißt die lateinische, relativ komplexe, Dankbarkeitsform gratias ago, die wir im Italienischen und Spanischen als "grazie" und "gracias" wiederfinden. Sankt Thomas behauptet ( I-II, 110, 1) daß der Kernbegriff der "Gunst" oder "Gnade" drei Dimensionen einschließt:
1) "Gnade erhalten oder begnadigt zu werden"; "Gefallen" oder "Liebe eines anderen finden"; der uns etwas Gutes tut;
2) "Gnade" deutet auf eine Gabe hin, etwas nicht verdientes, umsonst gegebenes, ohne irgendein Verdienst des Begnadigten.
3) Die Rückvergütung oder "Begnadigung" von Seiten des Begnadigten.
Im Traktat De Malo (9,1), wird eine vierte Sinngebung angeführt: gratias agere - das Lob; wer daran glaubt, daß das erhaltene Gute von einem anderen kommt, soll loben.
Von der oben aufgeführten Übersicht - der Dankbarkeitsausdrücke auf englisch, deutsch, französisch, spanisch, italienisch, lateinisch und arabisch - hebt sich der ungemein tiefgründige Charakter der Portugiesischen Redewendung "obrigado" ab. Diese warmherzige Form ist die einzige, die ganz klar in die Art der Dankbarkeit , auf die sich Sankt Thomas bezieht (die vom dritten Niveau also), verfällt: die des tiefsten Gebundenseins (ob-ligatus), der Verpflichtung, der Pflicht dem Anderen rückzuvergüten.
Somit können wir auch den Reichtum unter Betracht ziehen, der sich in der japanischen Dankesformel verbirgt. "Arigatô" enthält ursprünglich folgenden Sinn: "Existieren ist nicht einfach", "Das Leben ist hart", "Einmalig", "Vorzüglich (einmalige Vorzüglichkeit)".
Die zwei letzten o.g. Sinne sind verständlich: in einer Welt, in der die allgemeine Tendenz ist, daß alles nur an sich denkt; wo sich die Verhältnisse, wenn überhaupt, von der strikten und unpersönlichen Rechtsprechung regulieren lassen; treten die Qualitätsbezeichnungen Vorzüglichkeit und Einmaligkeit als Charakteristika der Gabe deutlich hervor. Andererseits hat: "Existieren ist nicht einfach" und "Das Leben ist hart", auf dem ersten Blick, nichts mit Dankbarkeit zu tun. Doch Sankt Thomas lehrt uns (II-II, 106, 6), daß die Dankbarkeit - wenigstens im Vorhaben – die erhaltene Gabe übertreffen soll. Und daß es Verschuldungen gibt, die von Natur aus unbezahlbar sind: sowohl von einem Menschen dem anderen, seinen Wohltäter, gegenüber, als auch und besonders Gott gegenüber: "Wie soll ich dem Herrn vergelten – lesen wir im Psalm 115 – all seine Wohltat, die er an mir tut?"
Solche Situationen, der unbezahlbaren Schuld – die so häufig bei denen, die ein Gefühl für Gerechtigkeit haben, auftritt –empfindet der dankbare Mensch als peinlich und tut alles mögliche (quidquid potest), bis er schließlich ans excessum, das sich immerzu Ungenügen weiß, anlangt (cfr. III, 85, 3 ad 2).
Arigatô weist also hin auf das dritte Niveau der Dankbarkeit, das die Besinnung dessen bedeutet, wie schwer es sein kann, zu existieren (von dem Moment an, da man einen Gefallen erhalten hat, und zwar unverdienterweise und, und daher, eine Rückvergütung schuldig ist, die niemals beglichen werden kann...).

13. November 2010

Schreiben wie Goethe

 Nachdem ich im Test "Ich schreibe wie?" zuerst mit von Kafka und danach wie Goethe abgeschnitten hatte, kamen mir so meine Zweifel über den Wert eines solchen technisierten Vorgehens. Sicher, wer mochte nicht schreiben können wie ...., doch sagt das tatsächlich soviel über die Qualifizierung des Schreibers aus? Mich erinnert dies an die technisch brillanten Sophisten, welche ja bekanntlich hervorragende Redner waren, jedoch inhaltlich recht daneben lagen, zumindest hatte Sokrates diese Meinung.
Es ist sicher wichtig gut schreiben zu können, weswegen ich eher Texte gescheiterer Mitmenschen als eigene einstelle, jedoch darf der inhaltliche Aspekt in keiner Weise vernachlässigt werden. Vollkommene Schreibkunst, mit Wahrheit und Weisheit vermählt, ist das Ideal. Doch im Zweifelsfall ziehe ich einen etwas holprigeren Stil vor, welcher sowohl Wahrheit als auch Weisheit zu vermitteln vermag. Wie wohl die biblischen (inspirierten) Autoren im obigen Test abschneiden wurden?
Dieser Text könnte von Goethe verfasst sein.

25. September 2010

Sophisten - Zeitgenossen

Ich versuche mir zum Beispiel vorzustellen, was wohl Sokrates auf das Argument der Vorländerschen Philosophiegeschichte geantwortet hätte, auf das Argument, daß der von Sokrates-Platon-Aristoteles tadelnde Beiklang des Namens »Sophist« mindestens für die ältere Sophistik (etwa Protagoras) unangemessen sei, weil diese Männer »sich bei der Mehrzahl der Gebildeten hohen Ansehens erfreuten«: Genau dies, der Erfolg bei den Vielen, macht ja, nach der Meinung von Sokrates und Platon, die Gefährlichkeit der Sophistik aus; und nichts ist leichter begreiflich als dieser Erfolg, gerade wenn man das Wesen der Sophistik auf die gleiche Weise versteht wie Sokrates und Platon (und sogar die Sophistik selbst, die sich ja als Kunst des Erfolges definiert).