"Minimum quod potest haberi de cognitione rerum altissimarum, desiderabilius est quam certissima cognitio, quae habetur de minimis rebus."

"Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen"

(Thomas von Aquin: I, 1, 5 ad 1)

3. September 2010

Heilsamer Fußtritt

Kardinal Sarto wohnte dem Begräbnis Leos XIII. bei und bemerkte beim Schluß der Handlung, wie ein Sanpietrino, einer der in der Peterskirche angestellten Arbeiter, um den Sarg ordnungsmäßig in die Nische hineinzuschieben, mit dem Fuß kräftig nachhalf. Da beugte sich Sarto seitlich zum päpstlichen Oberzeremonienmeister, der neben ihm stand, und flüsterte ihm zu: "Siehst du, Carletto, wie Päpste enden? Mit einem Fußtritt!"

Kurz darauf erfolgte seine Wahl. Kardinal Sarto verwandelte sich in Papst Pius X. Eines seiner ersten Worte an den Oberzeremonienmeister lautete:  "Denken wir täglich ans den Fußtritt!"

Am Tag seiner Krönung wurde er beim Einzug in die Peterskirche mit dröhnendem Beifall empfangen. Mit strengem Wink gab er der begeisterten Menge ein Zeichen, mit dem Klatschen  aufzuhören, und sagte dann: "Es ziemt sich nicht, daß man den Diener im Hause seines Herrn mit Beifall aufnimmt."

1. September 2010

rosa mystica

Eigentlich sollte zum Beginn des Schutzengelmonats an dieser Stelle an diese unsere Wegbegleiter erinnert werden, soweit überhaupt notwendig. Leider habe ich es nicht mehr geschafft. Deshalb, an "virginitas II" anschließend, diesen abschließenden  Text zum Themas aus Piepers "Zucht und Maß", welcher schon  in der Schublade lag - so zu sagen.


Zucht wirkt Reinigung.
Wenn man sich durch dieses merkwürdigerweise nur selten betretene Tor dem so schwer zugänglichen Begriff der Reinheit nähert und Reinheit also versteht als die Frucht von Reinigung – dann verstummen die verwirrenden und mißtönenden Beiklänge, die sonst diesen Begriff zuzudecken und dem Manichäismus anzunähern drohen (das deutsche Wort »Ketzer«, das aus dem griechischen »kátharoi« – »die Reinen« – sich herleitet, enthält eine gewichtige Warnung). Von jener Sicht her kommt der volle und uneingeschränkte, gegen den landläufigen also durchaus unterschiedene Begriff der Reinheit in den Blick.
Sie ist gemeint, wenn in der Väterlehre des Johannes Cassianus die Reinheit des Herzens der innewohnende Sinn der Zucht genannt wird: »dazu dienen Einsamkeit, Fasten, Nachtwachen, Kasteiungen«. Auf diesen weiträumigeren Begriff der Reinheit hin ist das Wort des heiligen Augustinus zu verstehen: die Tugend der Zucht und des Maßes ziele dahin, den Menschen unversehrt und unangetastet zu bewahren für Gott. Was aber besagt der uneingeschränkte Begriff der Reinheit?
Er besagt jene kristallische, morgendliche Unbefangenheit und Selbstlosigkeit des Weltverhältnisses, wie sie im Menschen Wirklichkeit wird, wenn die Erschütterung eines tiefen Schmerzes ihn an die Grenzen des Daseins trägt oder wenn die Nähe des Todes ihn anrührt. In der Heiligen Schrift ist gesagt: »Schwere Krankheit macht nüchtern die Seele« (Sir 31, 2); diese Nüchternheit gehört mit zum Wesen der Reinheit. In die gleiche Richtung deutet der umstrittenste aller Sätze des Aristoteles: die Tragödie wirke Reinigung, »κάϑαρσις«.
Auch das donum timoris, das Geistgeschenk der Furcht, das Thomas der temperantia zuordnet, reinigt, als die gnadenvolle Erfahrung der innersten Gefährdung des Menschen, das Gemüt und hat jene Reinheit zur Frucht, kraft deren einer darauf verzichtet, selbstisch nach erschlichenen vermeintlichen Erfüllungen zu suchen. Reinheit ist die vorbehaltlose Geöffnetheit des ganzen Wesens, aus der allein das Wort gesprochen werden konnte: »Siehe, ich bin die Magd des Herrn« (Lk 1, 38). 


Diese höchste Verwirklichung der Reinheit ist in einem Gedicht von Konrad Weiß in ein Bild von makelloser Schönheit und strahlender Gültigkeit gefaßt worden: »Kummerlos steht die im Hoffen / Unerschrockne Rose offen.«
Es tut sich hier dem Blick eine neue Tiefe auf: daß nämlich Reinheit nicht nur die Frucht von Reinigung ist, sondern daß sie zugleich auch die Bereitschaft in sich schließt, Gottes Reinigungen, furchtbar vielleicht und tödlich, mit der kühnen Offenheit eines vertrauenden Herzens anzunehmen und so ihre fruchtende und verwandelnde Kraft zu erfahren.
Das aber ist der letzte Sinn der Tugend der Zucht und des Maßes. 

31. August 2010

Beata Madre Teresa zum Vaticanum II



Mutter Teresa von Kalkutta, die große charismatische Missionarin, sagte mir vor wenigen Jahren:

 “ Das Konzil muß schon etwas sehr Großes gewesen sein, daß der Teufel sich so anstrengt, seinen Sinn zu verfälschen, ihn geradezu auf den Kopf zu stellen.”

(Gelesen in “Im Winter wächst das Brot” von Ida Friederike Görres, 1970, S. 118)



28. August 2010

GOTTsuche


"Ich suchte nach dem Herr, und er erhörte mich" (Ps 33,5) ... Es heißt nicht: Ich suchte Gold vom Herrn, und er erhörte mich; ich suchte hohes Alter vom Herrn, und er erhörte mich; ich suchte dies  und jenes vom Herrn, und er erhörte mich. Eines ist etwas vom Herrn suchen; ein anderes ist, ihn, den Herrn, zu suchen. "Ich suchte", heißt es, "nach dem Herrn, und er erhörte mich" ... Also wolle nicht etwas vom Herrn suchen außerhalb des Herrn, sondern den Herrn selbst suche, und er wird dich erhören.

Noch während du redest, spricht er: "Siehe, da bin ich!" Was ist das: "Siehe, da bin ich"? Siehe, vor dir bin ich! Was willst du, was suchst du von mir?  Was immer ich dir gebe: es ist geringer als ich. Mich selbst habe, mich habe zur Frucht, mich umfange! Noch kannst Du es nicht ganz: dem Glauben nach rühre mich an, und du wirst mir anhangen. Und all Deine Last werde ich von dir nehmen, daß du mir ganz anhangest, wenn ich dies dein Sterbliches zur Unsterblichkeit umwandle, daß du meinen Engeln gleich seiest und immer mein Antlitz schauest und froh seies. Und deinen Freude wird niemand von dir wegnehmen, weil du nach dem Herrn suchtest und er dich erhörte.   

Hl. Augustinus: Erklärung zu Psalm 33

27. August 2010

virginitas II

Dies ist das Zweite, das in dem christlichen Entschluß zur Jungfräulichkeit mitausgesagt ist: die Bejahung der Ehe als eines natürlichen und übernatürlichen Gutes. Nicht nur sozusagen »an ihrem Orte« nämlich hat die Kirche diese Bejahung ausgesprochen, also nicht etwa nur in der Liturgie der Brautmesse und in den dogmatischen Entscheidungen über das siebente Sakrament. Sondern just im Hochgebet der Jungfrauenweihe spricht sie das Wort von der Heiligkeit der Ehe und dem auf ihr ruhenden Segen; gerade hier wird die Jungfräulichkeit ausdrücklich auf das gleiche Geheimnis bezogen, das auch in der ehelichen Gemeinschaft von Mann und Weib einbeschlossen sei.


Nur um dieses Geheimnisses der Christusverbundenheit willen, nur wegen der gänzlicheren Ungeteiltheit der Hingabe an Gott ist die Jungfräulichkeit größer als die Ehe. Daß Jungfräulichkeit – wenn sie überhaupt um eines positiven Zieles wegen übernommen wird – wirklich größere Ungeteiltheit bedeutet, bedarf keines weiteren Wortes; es ist jedermann selbstverständlich, daß Soldaten und politische Führer freier sind für ihre Aufgabe, wenn sie unvermählt bleiben.


Immerhin hat anderseits die heilige Katharina von Genua, als ein Priester ihr, der Gattin und Mutter, die höhere Heiligkeit jungfräulichen Lebens entgegenhielt, gesagt: nicht einmal das Leben inmitten eines Soldatenlagers, wieviel weniger also die Ehe, könne sie stören in ihrer Liebe zu Gott; »wenn Welt oder Gatte die Liebe hindern könnten, was wäre dann die Liebe!« – Mit diesem erfrischend unverblümten Wort hat die Heilige nicht nur den letzten und entscheidenden Wesensgrund aller Heiligkeit genannt (welcher nämlich, wie auch Thomas von Aquin lehrt, nicht die Jungfräulichkeit ist, sondern allein die Gottesliebe); sie hat sich auch mit Recht dagegen verwahrt, daß, statt Ehe und Jungfräulichkeit (in abstracto), der vermählte und der jungfräuliche Mensch (in concreto) einander in ihrem unterschiedlichen Wert gegenübergestellt werden. »Besser ist die Keuschheit der Unvermählten denn die der Vermählten; aber ich (der Unvermählte) bin nicht besser als Abraham« – so sagt Augustinus; und in seinem Buch über die Jungfräulichkeit ruft er den gottgeweihten Jungfrauen zu: »Woher weiß die Jungfrau, wiewohl sie sucht, was des Herrn ist, ob sie nicht vielleicht, auf Grund einer ihr selbst verborgenen Schwäche, doch nicht reif ist, das Blutzeugnis zu ertragen; und ob nicht jenes Weib, dem sie sich überlegen wähnt, den Kelch des Herrenleidens zu trinken vermag!«

Es gibt zwei sozusagen ewige Einwände gegen die Jungfräulichkeit: sie sei wider die Natur, und: sie widerstreite, als Schwächung der natürlichen Volkskraft, dem Gemeinwohl. Nur den, der die Weite und Schärfe dieses Geistes nicht kennt, kann es überraschen, beide Einwände in der Summa theologica des heiligen Thomas auf das präziseste formuliert zu finden.



Wichtiger aber ist die Antwort, ein Gefüge aus drei Gliedern. – Erstes Glied: Wie es natürlich ist, daß einer um der Gesundheit des Leibes willen die äußeren Güter von Geld und Besitz dahingibt, so ist es nicht wider die Natur, daß der Mensch um des geistigen und geistlichen Lebens willen verzichtet auf die Stillung der Begehrungen des Leibes. Das ist die natürliche, dem Wesen der Dinge und des Menschen gemäße Ordnung. – Wie aber ist dies: niemand würde doch um der geistigen Güter willen aufhören zu essen und zu trinken; und: heißt es nicht in der Heiligen Schrift: »Wachset und mehret euch und erfüllt die Erde!« (Gn 1, 28)?

Zweites Glied der Antwort: Es gibt zweierlei natürliches Dürfen und Müssen; eines richtet sich an das einzelne Ich, das andere richtet sich an das Wir. Essen und Trinken muß jeder einzelne Mensch. Das Gebot der Genesis aber gilt für das gesamte Wir des Menschengeschlechtes. »Im Heere bewachen die einen das Lager, andere tragen die Feldzeichen voran, und andere kämpfen mit dem Schwerte: dies alles sind Pflichten, die an die Gemeinschaft gerichtet sind, aber durch den einzelnen Menschen nicht erfüllt werden können.« Dem menschlichen Wir nun ist es vonnöten, »nicht nur, daß es durch leibliche Zeugung sich fortpflanze, sondern auch, daß es geistig-geistlich gedeihe. Und darum ist dem Wohl der menschlichen Gemeinschaft genuggetan, wenn die einen die Aufgabe der leiblichen Zeugung erfüllen, andere aber, sich jener enthaltend, ganz frei sind für die Betrachtung der göttlichen Dinge – zu des ganzen menschlichen Geschlechtes Schönheit und Heil.«

Letztes Glied im Gefüge der Antwort: »Das gemeine Wohl ist höher als das des Einzelnen, wenn beide von der gleichen Gattung sind; es kann aber sein, daß das Gut des Einzelnen seiner Gattung nach höher ist. Auf solche Weise wird die leibliche Fruchtbarkeit von der gottgeweihten Jungfräulichkeit überragt.«

Es gibt Begriffe, in denen sich, wie in einem Hohlspiegel, ein ganzes Weltbild zusammenfaßt. Es sind das zugleich Begriffe, an denen die Geister sich erkennen und scheiden. Zu ihnen gehört auch der Begriff der Jungfräulichkeit.

Nur wer die Rangordnungen anerkennt, von denen her jene dreigliedrige Antwort des heiligen Thomas gegeben ist: daß nämlich das Göttliche höher, unendlich höher als das Menschliche ist und das Geistige höher als das Leibliche – nur wer diese Rangordnungen anerkennt, und zwar, mit John Henry Newman zu reden, nicht nur »begrifflich«, sondern »real«, nur der kann auch den Sinn und das Recht und die Würde der Jungfräulichkeit begreifen.

Begriff und Wirklichkeit des gottgeweiht jungfräulichen Lebens sind aufgerichtet wie ein Zeichen der Herausforderung. An ihm wird es offenbar, ob wirklich die geistigen und geistlichen Güter den ihnen gebührenden Platz und Rang in lebendiger Geltung innehaben oder nicht. An diesem Zeichen auch wird es offenbar, ob diese Güter unter diejenigen gezählt werden, von denen und kraft deren das Wir des Volkes lebt – »zu des ganzen menschlichen Geschlechtes Schönheit und Heil«. 


Erster Teil

26. August 2010

Interludium

Vor etwa zwei Jahren machte mich ein Bekannter auf das Buch "Mein 33. Jahr" von Pfarrer Gerhard Fittkau aufmerksam. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Es ist ein zugleich erschütterndes und für mich auch beschämendes Zeugnis gelebten katholischen Glaubens in Zeiten extremster Bedrängnis. Wie leicht beginnt man wegen verhältnismäßig kleinen äußeren und inneren Bedrängnissen ins Schleudern zu geraten. Ich dachte mir damals, wie viel an katholischer Glaubenssubstanz wir  bis in unserer Tage verloren haben. Für wen die Möglichkeit besteht das Buch zu lesen, sollte er diese beim Schopf packen.

" ... euch im Glauben zu stärken und aufzurichten, daß niemand im Glauben sich irremachen lasse in den gegenwärtigen Bedrängnissen. Ihr wißt ja: hierzu sind wir da."  1Thess 3,2 f


Zu Beginn meines dreiunddreißigsten Lebensjahres hatte ich die heilsamen Demütigungen sieben magerer Kaplansjahre durchlaufen und wurde selbständiger Pfarrer von Süßenberg, einer kleinen ermländischen Gemeinde in Ostpreußen. Als ich in meiner neuen Würde auf dem Kirchberg von Süßberg Einzug hielt, wurde der heitere Altweibersommer des Herbstes 1944 schon durch die Wolkenschatten verdüstert, die von Osten heraufzogen. Trotzdem war es mir noch vergönnt, einige Monate zu verkosten, was meiner lieben Großmutter als vollkommene Erfüllung klerikaler Wünsche vor Augen geschwebt hatte: eine freundliche, kernkatholische Bauerngemeinde, eine alte, gut renovierte Kirche, ein wohnliches Pfarrhaus, ein entwicklungsfähiger Garten und eine geräumige Küche, die von meiner Schwester aufs beste versorgt wurde.  Was danach geschah, ging zwar nicht über die Aussichten hinaus, die unsere geistlichen Lehrmeister uns vorgestellt hatten. Doch jene Verheißungen hatten niemals den Rahmen erbaulicher Betrachtung gesprengt, bis wir sehr real in die blutigen Fußstapfen unseres göttlichen Meisters gestoßen wurden.  Gewiß ist das, was ich mit meinen Pfarrkindern am Ende des Krieges erlebte, nichts Einzigartiges, sondern das gewöhnliche Leid ungezählter Menschen, die von den Mächten der Finsternis überfallen und durch das Tal des Todes getrieben wurden. Wenn ich trotzdem die Geschichte dieses entscheidenden Jahres meines Priestertums niederschreibe, so geschieht es nicht, um jene anzuklagen, die uns zerschlugen, noch um für meine unglücklichen Landsleute Mitleid zu erheischen. Alle sind ja aneinander schuldig geworden. Ich will vielmehr versuchen, Zeugnis anzulegen für das, was Gott der Herr und während dieses Jahres der Heimsuchung erwiesen hat, als er uns in das "Vollalter Christie" führte. 

24. August 2010

virginitas I












Im Anschluß an den letzten Text, in zwei Teile aufgeteilt nun Gedanken von Josef Pieper zur Jungfräulichkeit.  Zu finden in seinem Buch "Zucht und Maß".

Die hohe und wahrhaft fürstliche Geneigtheit, für die prächtige Versichtbarung eines erhabenen Gedankens in festlicher Feier, in Bildwerk oder Bau große Ausgaben zu machen – diese Tugend (denn es ist eine Tugend!) nannte das Mittelalter: magnificentia; wir vermögen sie heute nicht mehr mit einem einzigen Wort zu bezeichnen. Wie aber die magnificentia sich verhalte zu der ordentlichen Freigebigkeit, die im täglichen Gefüge von Bedürfen und Erbitten ihren Ort hat, so verhalte sich, sagt Thomas von Aquin, zur Keuschheit die Jungfräulichkeit.


Fast möchte man sagen, auch für diese fehle uns heute das rechte deutsche Wort. Denn der Name »Jungfräulichkeit« – abgesehen davon, daß wir es nur schwer ertragen, ihn auf den Jüngling und den Mann bezogen zu sehen – bezeichnet im Sprachgebrauch mehr den bloßen Zustand der Unberührtheit und der Unvermähltheit denn die aus Gnade und Entschluß geborene Tugend dessen, der um des Herrn willen für immer auf die Erfahrung der Geschlechtslust verzichtet hat. – Wieder drängt sich uns der Gedanke auf, solche Wortnot müsse darin ihre letzte Wurzel haben, daß die Sache selbst dem Bewußtsein nicht tief genug gegenwärtig geworden oder geblieben sei (was wiederum, ein wahrer circulus vitiosus, mit dem Mangel an lebendiger Sprachkraft, zu ergreifen und zu behalten, zusammenhängen mag). Wie dem auch sei: wenn hier in aller Kürze das Wesen der Tugend der virginitas unter dem Namen »Jungfräulichkeit« dargelegt wird, so ist es notwendig, sich jene Nicht-Übereinstimmung mit dem Sprachgebrauch gegenwärtig zu halten und überdies mancherlei Ungemäßheiten der Redeweise in Kauf zu nehmen.

Dies ist das erste: Jungfräulichkeit ist nicht eine Tatsache, sondern eine Tat; nicht ein Zustand, sondern eine Entscheidung. Die bloße Unberührtheit, als psychisches (erst recht als rein physisches) Faktum, ist nicht das, wodurch Jungfräulichkeit als Tugend konstituiert wird, mag auch im übrigen diese Unberührtheit der Siegespreis kämpferischer Keuschheit sein. Jungfräulichkeit als Tugend wird begründet durch den Entschluß, noch eigentlicher gesprochen durch das Gelöbnis, für immer sich der geschlechtlichen Vereinigung und der ihr zugeordneten Lust zu enthalten.

Und auch dies ist noch nicht alles. Solch ein Entschluß könnte aus vielerlei Gründen entspringen, zum Beispiel aus der widerchristlichen Auffassung, jene Enthaltung sei nichts weiter als eben eine Enthaltung vom Bösen. – Zweierlei muß noch zu dem Entschluß hinzukommen oder vielmehr in ihn eingehen und ihn ganz durchtränken.

Erstens: »Nicht weil sie Jungfräulichkeit ist, wird sie geehrt, sondern weil sie Gott geweiht ist«; nicht seiner selbst wegen ist der Entschluß, in geschlechtlicher Enthaltsamkeit zu leben, des Lobes würdig, er wird erst »lobenswert gemacht (laudabile redditur) durch seinen Zielsinn, sofern er nämlich darauf zielt, frei zu machen für die göttlichen Dinge«. Es wäre gut, wenn nicht nur der Nicht-Christ, sondern auch der Christ diese beiden klaren Sätze der größten Lehrer der Kirche, Augustins und Thomas’, stets im Gedächtnis behielte; es wäre gut, wenn er im Gedächtnis behielte, daß also eine Jungfräulichkeit, welche diesen Sinn, das Freisein für Gott und die göttlichen Dinge, nicht verwirklicht, im gleichen Maße eben sinnlos wird, jedenfalls die Würde verliert, um derentwillen sie von der Kirche geehrt wird. Gewiß kann mancherlei schicksalhafte Notwendigkeit oder auch ein sittlicher Grund einen Menschen dazu zwingen oder bewegen, unvermählt zu bleiben; und selbstverständlich kann solcher Notwendigkeit und solcher Wahl auch der Glanz eines Gott dargebrachten Opfers zuteil werden. Jede rein religiös gemeinte Wertschätzung der Unvermähltheit aber, die nicht auf jenen letzten und eigentlichen Grund – das völlige Freisein für Gott – sich stützt, rückt notwendig in die Nähe des Manichäismus, der in der bloßen Tatsache der Unvermähltheit selbst das Gute sieht – und also in der Ehe etwas Böses.


Fortsetzung